Donnerstag, 2. Juli 2015

DAS POLENSCHIFF

Pölitz war ein sehr überschaubares Dorf. Es hatte nicht mal einen richtigen Hafen. Wo war das Schiff. Ein Bananendampfer wäre hier aufgefallen. Wir gingen zur Post, um zu telefonieren. Gegenüber lag einladend das "Hotel zur Post". Karl meinte :"Die haben auch Telefon". Ich wollte und konnte kein Bier mehr sehen. Ich war auch lange noch nicht so im Training, wie es sich für einen guten Matrosen ziemte. Ich war noch nicht "Vollmatrose". Später wusste ich, dass Saufen nicht nur zur Seefahrt, sondern auch zum Krieg gehörte.
Der Wirt war, in der Hoffnung auf neue Stammkunden, sehr entgegen kommend. Lasst euer Gepäck man hier und lauft los. Das Schiff liegt ungefähr eine halbe Stunde von hier. Die Frage nach einer Straßenbahn löste Heiterkeit aus. Wir hörten hier auch zum ersten Mal den Ausdruck : "Polendampfer".

Als wir uns auf den Weg machten, war es schon ziemlich dunkel. Was für einen Tag hatten wir hinter uns, und was kam jetzt auf uns zu? Wir maschierten aus dem Dorf ins Nichts. Vor uns war nichts, links und rechts war nichts, nur Landschaft. Es war gespenstisch. Wir kamen nicht weit. Ein Wehrmachtslastwagen holte uns ein. Ein Soldat : "Ihr wollt zum Polendampfer?" Wieder dieses "Polendampfer", und woher wusste er das? "Die Strasse führt nur zum Polendampfer, sonst ist da nichts." Sie war sogar nur für diesen Zweck angelegt worden. "Steigt auf. Wo ist euer Gepäck?" "Im Hotel." "Das holen wir." Die Freundlichkeit des Soldaten war nicht ganz ohne Eigennutz, wie sich später herausstellte. Er gehörte praktisch zur Mannschaft und nutzte den fahrbaren Untersatz des großdeutschen Reichs für private Kurierdienste. Er hatte darauf ein Monopol, da es in dieser Wildnis kein anderes Transportmittel gab. Die Aufbesserung seines Solds war ihm, mit seinem im Polenfeldzug zerschossenem Arm, gegönnt. Wir mussten wieder selbst für unsere Fahrt berappen.
Wir erreichten einen hohen Zaun. Hinter dem Tor eine beleuchtete Bude mit einer Wache, und dahinter hochaufragend im Dunkel unsere "Bremerhaven. Die Szenerie wirkte bedrohlich. An Bord wurden wir mit Hallo empfangen. Otje und ich, beide Leichtmatrosen, waren die einzigen Decksleute unter den Neuen. Die anderen waren Maschinenleute. Ich traf alte Bekannte von der "Kraft durch Freude" - Fahrt wieder, Heini Müller, den "Amerikaner" und Jan Kiek, der mal in der argentinischen Pampa Nähmaschinen repariert hatte. Heini Müller war jetzt noch dünner, als früher. Wo der Bauch sein sollte, war ein Loch, und hinten war auch nichts. Er hatte es mit dem Magen, und frass pfundweise Natron, was ihn aber nicht vom Bier trinken abhielt. Schon wieder hatten wir volle Gläser vor uns, frisch gezapft. Woher kam hier das Fassbier? Das Rätsel löste sich bald. Es gab an Bord eine "Bar" für die Polen. Für welche Polen?
Es gab viele Fragen, und viel zu berichten. Wofür liegt das Schiff hier? Was wird unsere Aufgabe sein? Die "Bremerhaven" lag hier als Wohnschiff für hunderte von polnischen Arbeitern. Die meisten hofften, irgendwann eingedeutscht zu werden. Die es geschafft hatten, hiessen im Volksmund "Rucksackdeutsche".
 Nichts war mit "Lebensmitteltransport". Das war nur ein Lockmittel des Heuerbaas gewesen. Die Luken waren ausgebaut mit dem Nötigsten: Kojen, Tische, und was man sonst so brauchte. Die Polen arbeiteten im nahen Hydrierwerk, das einmal Kohle zu Benzin verflüssigen sollte.

  
Die Messe füllte sich mit immer mehr Neugierigen. Steward, Offiziere, alle wollten die Neuen sehen. Es wurde spät. Karl und die anderen Heizer bezogen ihre Buden an Backbord. Wir Decksleute hatten, völlig unüblich, unsere achtern auf Steuerbord, unter dem Poopdeck.
Ich fiel in tiefen Schlaf, war aber schon früh wieder wach. Was für ein Bild. Das Schiff lag in einem alten Arm der Oder, die hier schon eine gewisse Breite hatte. Runherum nur Wiesen, nur "Umgebung", sonst nichts. Beinlose Rinder schwebten über dem Bodennebel. Ein paar hundert Meter weiter, machte ich ein Gehöft aus. Eine Kneipe in der Einsamkeit. Bei Mutter Wohlkopf gab es herrliche pommersche Lungwurst. Die sollte noch oft meinen Hunger stillen.

 

Es war ein wunderschöner Morgen. Eine Stimmung, um sich in dieses Land zu verlieben. Fast lautlose Stille, nur die Vögel zwitscherten und die Fische sprangen. Der Duft von Gras, Heu und Wasser lag in der Luft.
Unsere Anlegestelle, eher ein Steg, als eine Kaje, war aus Holz. Es standen Handkräne darauf, die einmal die Verbindung mit Schläuchen zu den Tankschiffen herstellen sollten. Noch ragten sie nutzlos in den Himmel. Eines Tages, sollte einer von ihnen für Schreckliches mißbraucht werden.
Die Aufgänge der Luken wurden aufgeschlossen. Mit Kannen wurde von Luke drei aus, Tee aus einem 1000 - Literkessel an die Polen ausgeschenkt. Mal sehen, was es sonst noch gab. Mittschiffs roch es aus der Küche nach frischen Brötchen. Hier wirkte der Kochsmaat Paul Pinto, ein Holländer. Jan Kiek kam, mit sein Kätzchen im Schlepptau und einem Kännchen in der Hand, um heisses Wasser für seinen Privatkaffee, zu holen. Das war sein tägliches Ritual.

Für mich wurde es, obwohl ich hier eine gute Zeit erlebte, das erste Schiff, das mich mit Hunger, und den bösen Seiten des Kriegs bekannt machte. Es war für mich ein groteskes Bild, als ich zum ersten Mal sah, wie die Riesenmenge von Leuten, aus den Luken geradezu heraus quollen und auf Lastwagen stiegen, die sie zum Hydrierwerk brachten. Alle hatten ein "P", für Pole, auf ihren Jacken.
Es war nicht leicht für mich, mich in ein derart sonderbares Leben, wie wir es hier an Bord führten, einzuleben. Für ein Schiff ohne seemänische Aufgaben, war es überbesetzt mit Schiffspersonal. Welchen Zweck erfüllten allein die vielen Nautiker an Bord? Es waren auch immer einige Ehefrauen da. Es war, wie eine sonderbare Sommerfrische. Man hatte das Gefühl, dass von der Reederei
Besatzung vorgehalten wurde, um bald wieder Bananen aus Santa Martha zu holen. Der Krieg hatte ja schon Weihnachten `39 zu Ende sein sollen. Als anderer Grund wurde genannt, dass Seeleute nicht eingezogen werden konnten, wenn sie "UK" - unabkömmlich - waren.
In einer unserer freien Buden achtern, wohnte ein polnisches Ehepaar. Er war so etwas wie der Hausmeister, seine Frau erledigte die Reinigungsarbeiten für die Lagerwachmannschaft. Die bestand aus SS - Leuten. Es war das erste Mal, dass ich solche Uniformen sah. Die Maschinenleute schliefen an Backbord. Dort hatten auch die Wachleute ihre Kammern und Büros.
An Luke 4 war in einer Holzbude ein polnisches Postamt untergebracht, geleitet von Max Kuhr aus Stolp, einem sehr jungen SS - Mann. Wir nannten ihn "Postminister". Die Polen bekamen sehr häufig Pakete. Sonst hätten sie wohl noch mehr Kohldampf geschoben und auch keinen Wodka gehabt. Obwohl verboten, war in jedem Paket Wodka. Max drückte immer, mehr als ein Auge zu.
Zur Wachmannschaft gehörten noch Karel, auch sehr jung, er war der Dolmetscher und drei weitere, ältere SS - Leute. Mit Max, und besonders mit Karel hatte ich bald Freunschaft geschlossen. Karel kam aus dem slawischen Raum, und sprach sieben  Sprachen aus dem Vielvölkerstaat. Karel und ich fuhren, aber davon später, mit unseren Freundinnen oft nach Stettin. Für mich hatte es zu der Zeit noch keine Bedeutung, dass sie SS - Leute waren, das kam später.
Wir unterhielten uns manchmal mit den Polen, am Bierausschank, oder wenn sie abends auf der Wiese beim Schiff saßen. Etliche von ihnen waren freiwillig zum Arbeiten nach Deutschland gekommen. Sie hatten gehofft, eingedeutscht zu werden. Doch dann wurden sie zur Zwangsarbeit verpflichtet, und bekamen das"P" auf die Brust. Auch auf dem Schiff gaben sie die Hoffnung nicht auf. Viele sprachen ein ausgezeichnetes Deutsch. Einige wurden auch eingedeutscht. Das nährte die Hoffnung der Anderen. Im Volk wurden sie abfällig "Beutegermanen" genannt.

Mann über Bord!
Viel Arbeit fiel im seemänischen Bereich nicht an. Bruno, der Zimmermann hatte seine Bude im Vorschiff. Ich saß oft bei ihm zum Klönen, begleitete ihn auf seinen Peilgängen und half ihm beim Abschmieren aller beweglichen Teile. Das Schiff musste doch, für die zu erwartenden Bananenreisen, in Schuss gehalten werden. Im Vorschiff lag auch Brunos Werkstatt. Hier widmete er sich seiner Haupttätigkeit - nicht kriegswichtig, aber lukrativ - der Herstellung von Schmuckkästchen, mit feinen Furnier- und Intarsienarbeiten, oder muschelgeschmückt. Ich half beim mühsamen Polieren, und bei der Muschelsuche. Eines Tages meinte Bruno entschlossen :"Ich baue ein Paddelboot." Bedingt durch die Grösse der Werkstatt, wird es etwas kurz geraten. Dazu mehr, wenn der Stapellauf ansteht.
Sein Wunsch nach einem Paddelboot hatte einen Hintergrund. Bisher nahm man, wenn es einen überkam, das Arbeitsboot und segelte über die Oder, zu einer der kleinen, verschwiegenen, hinterpommersche Kneipen in Ihnamünde. Eines Tages bei der nächtlichen Rückkehr, ging Baumeister, nicht mehr ganz nüchtern, über Bord. Es erforderte seine Zeit, das schwere Segelboot auf Rückkurs zu bringen. Alles Rufen half nichts, Baumeister war verschwunden. "Er wird, das Wasser ist warm, an Land geschwommen sein, und uns dort lachend empfangen". Diese Hoffnung erfüllte sich nicht. Alle waren ratlos. Es musste gemeldet werden. Nun schmeiss mal mit einer derartigen Meldung den Alten aus der Koje. "Wecken wir erst mal den II., Hans Neuss, mit dem kann man reden." Bevor Neuss den Alten weckte, segelten sie die Tour nochmal ab. Sie durchkämmten die Insel zur Oder hin, und suchten auch das gegenüber liegende Ufer bei Ihnamünde ab. Bei Morgengrauen war man sich sicher :"Baumeister ist abgesoffen." Einige meinten, ein Schiff könnte ihn aufgepickt haben. Aber Baumeister blieb verschwunden. Im grossen Delta der Oder wird keiner so schnell gefunden. Später hatte ich privat die Gelegenheit, das Oderhaff abzusegeln. Heimlich sah ich in jede Schilfbucht, als könne ich dort Baumeister entdecken.
Die Segelei mit dem Arbeitsschiff zum Privatvergnügen hatte ein Ende und war der Beginn von Brunos Bootsbauerei. Es traf ihn nämlich besonders hart. Er hatte drüben im Hinterpommerschen bei Bauer Schnipkoweits Dreimädelhaus einen Pflock eingeschlagen. Eine der Schönen hatte es ihm angetan. "Wenn der Krieg aus ist, werde ich Bauer." Schon jetzt machte er sich auf dem Hof mit allerlei Holzarbeiten nützlich.
Die Liebe ist eine Himmelsmacht. Ein Boot musste her.
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"Milchbubi"
Wir an Bord mussten irgend wie beschäftigt werden. Meine bisherigen seemänischen Kenntnisse, Deckschrubben, Farbe waschen, Pönen, Messing putzen und nicht zu vergessen, Matrazen schleppen, wurden jetzt durch Rost klopfen erweitert. Das war eine elende Schinderei. Ich ging dem, mit einem täglichen Spaziergang nach Pölitz, aus dem Weg. Ich war zum Einkäufer befördert worden, für die tägliche Milchration für die Kombüse. Das brachte mir einen neuen Titel von der Frau des II., Hans Neuss, ein. Ich war von da an der "Milchbubi"; immerhin besser, als "Milchmädchen. Donnerstags kam der Fischeinkauf dazu. Das Dienstrad benutzte ich nur für schwere Lasten. Die Fische, das waren Plötzen und Brassen, elendes grätenreiches Zeug. So etwas kannte ich nicht. als Bremerhavener war ich mit Seefisch verwöhnt. Manchmal gab es, weil wir gute Kunden waren, einen Hecht oder Zander als Zugabe. Das sollten Edelfische sein. Ob sie edel waren oder nicht, blieb mir verborgen. sie kamen nur bei den hohen Mittschiffsleuten auf den Tisch. Freitags Fisch. Auf den Gräten mochte ich nicht herum kauen. Die Vorsuppe rettete mich. es gab Brotsuppe mit Rosinen. Die Reste der Woche wurden freitags, zu dieser, mir köstlich schmeckenden Suppe, verarbeitet. Den Fisch überliess ich den Anderen. Die Verpflegung war schon vom Mangel bestimmt. Fritz, einer der Köche gab sich alle Mühe. Hätte er nicht großzügig mit Zuckerculeur und der Maggiflasche gearbeitet, hätte das Essen wohl noch schlimmer geschmeckt. Ich holte mir beim Pferdeschlachter Pupke, in Pölitz, oft ein ordentliches Stück Pferdewurst. Die schmeckte gut, und ich wurde satt. Fürs Schiff kaufte ich ein Mal in der Woche Pferdegulasch. Doch es gab einigen Protest gegen "Hotte Hü" auf dem Teller.



Ich genoss die morgendlichen Wanderungen. Ich liess mir Zeit, nahm nicht die Strasse, sondern eine Abkürzung durch die Rieselfelder. Ich wusste nicht, warum, aber dieser Schleichweg war verboten. Die einzige Gefahr bestand darin, dass die Dämme bei viel Regen brechen könnten. Wir benutzten diesen Weg auch nachts. Ohne Mondschein war es unheimlich. Weit und breit war keine Menschenseele. Wir brüllten das neuste Lied von Hans Leip: "Lili Marleen", gesungen von Lale Andersen, einer Bremerhavener Deern. Ihr bürgerlicher Name war Liselotte Helene Bunnenberg, Tochter eines Lloydstewards, wie sollte es in Bremerhaven auch anders sein.


Der Schinken im Salz und seine Folgen
Fliegeralarm war selten, und immer nur nachts. Zu der Zeit nahm man sie noch nicht so ernst. Sie drehten über unserem Schiff. Die feindlichen Flieger orientierten sich zuerst an der Oder, dann war unser, hoch aus der flachen Landschaft ragender "Pott" der nächste ideale Peilpunkt, um Kurs auf die IG - Farbenwerke, das Hydrierwerk und Peenemünde, zu nehmen. Von diesen Zielen wussten wir natürlich, wie üblich, nichts. Hohe Militärs kamen an Bord, und es wurde überlegt, das Schiff öfter an einen anderen Liegeplatz, zu verholen. Die Idee wurde verworfen, es hätte wohl keinen grossen Nutzen gehabt. Man sprach davon, dass etliche Kilometer vom Hydrierwerk, ein Scheinwerk aus Holz errichtet werden sollte.
Eines Nachts gab es Fliegeralarm, als ich gerade mit dem Rad zurück zum Schiff wollte. Die Strassen in Pölitz waren dunkel und leer. "Halt! Warte!" Überall gab es Warte. Blockwarte, Hauswarte, Luftschutzwarte, und sonstige Wärter. Zwei davon hielten mich an. Sie nahmen den Krieg sehr ernst. Sie hatten ein Amt, somit Macht und Verstand. "Zum Polenschiff ?" Höchst verdächtig! Vor allem wegen meines polnischen Nachnamens. Ich wurde erst einmal eingesperrt. Die Polizei telefonierte mit dem Schiff, und verlangte mitten in der Nacht, dass jemand käme, um den Verdächtigen zu identifizieren. Hans, der II. meinte nur :"Der soll sich mal ordentlich ausschlafen." Am nächsten Morgen liess man mich laufen. Doch Strafe musste sein. Der Kapitän verdonnerte mich zum kriegswichtigen, "eisernem Sparen". Was aus meinem Geld wurde, weiß ich nicht. Es verschwand wohl in den Kriegskassen.
Als Bruno damit ankam, das er seinem Schwiegervater in spe versprochen hatte, dass einige von uns bei der Heuernte helfen würden,meldeten sich ein paar Männer freiwillig. Unser "Alter" konnte gegen kriegswichtige Erntehilfe nichts einzuwenden haben. Sie freuten sich über die Abwechslung. Die Töchter des Bauern hatten natürlich auch keine geringe Anziehungskraft. Ich wollte nicht mit. Wie sagte Grossvater, der alte Krieger immer :"Niemals freiwillig melden." Doch der Alte verdonnerte mich dazu, denn ich hatte noch einen Schinken bei ihm im Salz.

Der Sommer war sehr heiss. Die Hitze war gut fürs Heu, aber eine Tortur für die, die Feldarbeit nicht gewohnten, Seeleute. Nach jeder Fuhre hingen wir unter der Pumpe. Abends wurde es immer reichlich spät. Das Heu musste rein. Schnell wieder an die Pumpe, zur innerlichen Erfrischung, dann in die Ihna zur äusseren Abkühlung. An andere Reize dachte keiner mehr. Das Essen war ungewöhnlich. Es gab Dickmilch mit grünem Salat. Wir schliefen in Betten auf Stroh, die Federbetten waren wintertauglich. Die offenen Fenster luden die Mücken zu einem Festmahl ein. Seemannsblut schien eine Delikatesse zu sein. Drei Tage waren genug. Ob Bruno noch Bauer werden wollte?
Ich beeilte mich, wieder an Bord zu kommen. Ich hatte Angst, das meine Vertretung am Einkauf Gefallen gefunden haben könnte, und ich meine Aufgabe los war. Die Angst war unbegründet. Otje Schaller war froh, davon befreit zu sein. Das Rostklopfen und Pönen war zu meinem Glück eingestellt worden. Man hatte festgestellt, das die Kriegsfarben auf Kunststoffbasis keinen Schutz gegen neuen Rost boten.
Nach ein paar Tagen hatte ich mich von dem unfreiwilligen Ernteeinsatz erholt. Die Knochen taten nicht mehr weh und die Mückenstiche waren weg. In Ihnamünde mit der gemütlichen Kneipe, mit dem schönen Namen "Kaffeeberg", war ich nie wieder.

So nahmen wir teil am grossen Weltgeschehen. Tagsüber badeten wir in der Oder, abends saßen wir oft in Luke 4 in der "Bar", dem Bierausschank für die Polen. Für ihren mageren Lohn bekamen sie dort etwas Ablenkung durch Bier und Musik. Eng war es in dem Kabuff. Aber man rückte zusammen. Die "Bardame" war die Frau eines unserer Maschinisten. Musik lieferte die Polenkapelle. Karl, unser Musikexperte, war voll des Lobes. Auch er hatte mehr drauf, als "Bel Ami". Paul Pinto, unser Koch, spielte auf seiner Mundharmonika Jazz, "Negermusik!" Teddy Stauffer :" In einer Hafenbar spielen Kongoneger Panama." Ich spielte Schach mit Rudi Wiehle, dem I. Steward. Einsatz war immer eine Flasche roten, französischen Beuteweins zu 50 Pfennig. Nebenan in einer der freien Buden ging es um höhere Beträge. Es wurde gezockt.

Wilma und ein Buchstabe zuviel
Ich fuhr manchmal mit Karel, dem SS - Mann, wir hatten uns angefreundet, oft aber auch  alleine nach Stettin, zum Barbummel. Café Willy in der Moltkestrasse, Café Ponard am Paradeplatz, waren die Anlaufpunkte. So viele junge Damen! Wir waren gern gesehen, da Männermangel an der Heimatfront herrschte. Mit dem letzten Zug fuhr ich zurück. Ich landete mehr als einmal in Ziegenort, der Endstation. Ich war eingeschlafen und hatte Pölitz verpasst. Was tun? Im Bahnhof konnte ich nicht warten, der wurde abgeschlossen, also laufen. Es waren rund 20 Km. Ich kam gleichzeitig mit dem ersten Zug aus Ziegenort in Pölitz an. Auf einer meiner Touren lernte ich im Zug Wilma aus Jasenitz kennen. Jasenitz lag drei Kilometer von Pölitz entfernt. Drei Kilometer, die ich oft maschierte.
Als Wilma und ich wieder einmal nach Stettin fuhren, waren eine Freundin von Wilma, und Karel mit von der Partie. Wilmas Freundin war etwas enttäuscht. Sie hatte einen jungen Mann in fescher  Uniform erwartet. Jung war Karel, aber er kam in Knickerbockern. Wir Seeleute und auch die Wachleute trugen Uniform nur, wenn offizieller Besuch an Bord kam. In Stettin, im "Trocadero" war Wunschkonzert auf Zuruf. Es wurde ein lustiger Abend. Wilma rief laut ihren Wunsch durch die Bar :"Erotika!" Ich kannte das Stück nicht und der Titel war mir sehr peinlich, die Kapelle spielte es auch nicht. "Heimat, deine Sterne", war wegen des Heimwehs vieler, angesagter. Zurück an Bord, fragte ich erst mal Karl, unseren Musikexperten :"Erotika, was ist das für ein Lied?" Mit der Antwort konnte ich nichts anfangen :"Das ist von einem ganz Grossen. Du hast einen Buchstaben zuviel, genau so, wie in "arisch" das "i" zuviel ist." Verstanden habe ich es erst viele Jahre später, und es blieb eine liebe Erinnerung an einen fröhlichen, versoffenen Heizer. Karl wohl der einzige Heizer der christlichen Seefahrt, der Musik studiert hatte. Was hatte ihn wohl an den Suff, und in die Maschine, gebracht?





Die Fahrten nach Stettin mit den Damen und andere Extravaganzen waren nicht billig. Doch ich hatte eine Einnahmequelle auf getan, und konnte es mir leisten. Ich kellnerte an den Wochenenden in Pölitz, im "Hotel zur Post" bei Willi Wolf. Kellner waren in der Heimat knapp. Der Füher hatte zu den Waffen gerufen. Für die Musik sorgten Karl und ein blinder Schlagzeuger. Rudi, unser Steward verpasste mir eine weisse Jacke und versuchte, mir das Binden einer Fliege, bei zu bringen. Doch ich begriff es nicht. Fliegenknoten gehören nun mal nicht zu den Seemannsknoten. Eine dunkle Krawatte tat es auch. Der Tanzsaal bei Willi brummte. Für die Enlohnung der Musiker sorgte ich. Immer, wenn ihnen jemand ein Bier spendieren wollte, sagte ich :"Ein Groschen tut´s auch," und Bargeld lachte. Es war ein Leben, wie im tiefsten Frieden; Piesporter Goldtröpfchen, Kröver Nacktarsch, Liebfrauenmilch und Oppenheimer Krötenbrunnen, alles noch Vorkriegsware. Gekühlt wurde der Wein in einer grossen, mit Wasser gefüllten Zinkwanne hinter der Theke. Die Etiketten lösten sich bald ab, und wurden je nach Bestellung, heraus gefischt, und auf irgendeine Flasche geklatscht. Beschwerden gab es nie. Als Kellner machte ich eine gute Mark. Fast noch wichtiger, als das Geld, waren angesichts unserer mageren Bordverpflegung, die riesigen Portionen pommerschen Schweinebratens.
Zusatzverpflegung brachte auch meine, nicht ganz selbstlose Hilfe beim Brötchen backen morgens in der Bordküche. Ich knetete Teig, und rollte ihn zu einzelnen Portionen. Es war nicht ganz einfach, mit links und rechts gleichzeitig, ein Brötchen zu formen. Jetzt wusste ich auch, warum Brötchen in Amerika "Rolls" hiessen. Wenn der Ofen die richtige Temperatur hatte, Bleche hinein, ein Tasse Wasser hinter her, und warten auf goldbraune, herrlich duftende Brötchen. Bis zum Frühstück, hatte ich schon meine Portion mit Margarine verdrückt. Das gleiche hatte ich auf der "Bremen" erlebt, nur mit Butter.



An den Wochenenden, an denen ich kellnerte, war auch immer Wilma da. Mir gefiel es nicht, dass sie mit jedem "Trottel" tanzte. Ich war eifersüchtig. Auch die Hitlerjungen  vergällten mir den Spaß an der Arbeit. Kraft ihrer Armbinde, hatten sie die Macht, Jugendliche vom Vergnügen auszuschliessen. Wilma ging ja noch zur Schule, und hätte als BdM - Mädchen grossen Ärger bekommem können. Eine weitere Gefahr war war die häufige Androhung von Prügel. Ich hatte den Auftrag vom Wirt, unter den Tischen versteckte, selbst mit gebrachte Schnapsflaschen zu melden. Es war dann Korkengeld fällig. Die erwischten Gäste drohten mir. "Bist du schon mal gegen solch eine Faust gelaufen?" Die Sprüche und die H.J. - Streifen liessen mich meine Kellnerlaufbahn in Pölitz beenden. Doch Kellnern würde später noch, ein paar Mal, meinem Lebensweg eine neue Richtung geben.


Meine morgendlichen Dienstwege und Wilma, die ich, wenn es die Zeit zuließ, von der Bugenhagen - Oberschule, abholte, ließen keine Langeweile aufkommen. Ich war immer im Trab. Ich hatte aber das Gefühl, in diesem einsamen Winkel der Erde, zu versauern.Da kam der Einberufungsbefehl zum Reichsarbeitsdienst gerade recht. Endlich neue Tapeten sehen! Leider funkte der "Alte" dazwischen. Seeleute seien unabkömmlich. Später, als ich Jüngere als mich, mit Panzerfäusten im Arm und schief sitzenden Helmen auf den Kinderköpfen sah, war ich ihm für diese Einmischung, nachträglich, sehr dankbar.
Meine Zeit war aus gefüllt. Ich ließ mich von Wilma sogar öfter sonntags in die Kirche schleppen. Der Lohn dafür war ein dicker Rollbraten mit Backpflaumen bei ihrer Familie.

Nach und nach bemerkten wir Risse in dieser scheinbaren Idylle. Max Kuhr, der "Polenpostminister" hatte sich freiwillig zur Front gemeldet. Er konnte das Lagerleben nicht mehr ertragen. Auch wir litten mit, nachdem die Lagerleitung immer öfter Polen für kleine Vergehen verprügelte.  In der Schule waren wir zwar oft verprügelt worden, das war derzeit normal, aber hier hörte ich die Schreie von Erwachsenen aus den Büros der SS, die in unserem Wohnbereich lagen. Nicht einmal der Kapitän, auf einem Schiff nächster zu Gott, konnte eingfeifen. Es war schrecklich. Wie war die Welt verkommen.



Der Stapellauf von Brunos Paddelboot stand an. Es war, wie gesagt, wegen der Werkstattlänge, etwas zu kurz geraten. Das bedeutete Stabilitätsprobleme.Schon der Einstieg war eine wackelige Angelegenheit. Als erstes machte Bruno eine Eskimorolle, allerdings nur die Hälfte davon. Mit unserer Hilfe kam er prustend wieder an die Oberfläche. Noch ein Toter wäre für den Alten zuviel gewesen. Bruno musste sein Boot verschrotten.
Das Holz bekam Hans Hansen für seinen Räucherofen. Hans war ein Matrose aus Dänemark. Per Lastkraftwagen versorgte ihn unser Wehrmachtsfahrer oft mit einer Kiste Bier. Es war, unter der Koje verstaut, sein Schlafmittel. Oft hörte ich nachts, in meiner Koje über ihm, sein "gluck - gluck - gluck." Unser Däne war ein glühender Verehrer unseres Führers. Ein Foto Hitlers hing neben dem Bild eines dänischen S.A. - Führers in seiner Koje. Hans´ Lektüre war das Buch, das die Bibel ersetzen sollte : Hitlers "Mein Kampf". Es war bestimmt das einzige Exemplar an Bord. Ich sollte ihm manchmal Passagen, die er nicht verstand, erklären. Ich verstand meist auch nichts. Hans versuchte sich, mit wenig Erfolg, als Missionar. Selbst bei den SS - Leuten konnte er nichts werden.
     Hans kam aus der Fischerei. Er hatte in seiner vielen Freizeit lange Stellnetze geknüpft. Vor dem Schilf am Ufer aufgestellt, mit einer Stange die Fische auf gescheucht, brachten sie gute Ergebnisse. Nur, was sollten wir mit dem "Unkraut", den Plötzen und Brassen, anfangen? Diese grätigen Dinger holte ich ja jeden Donnerstag aus Pölitz. Hans wollte sie kochen und sauer einlegen. "Dann merkst du die Gräten nicht mehr." Doch Fritz Einen, unser Koch, schmiss ihn aus der Küche. Es spielte vielleicht auch eine Rolle, das er selbst Kommunist war. Hans bastelte darauf hin, an Land, einen Räucherofen. Die Polen waren dankbare Abnehmer seiner Erzeugnisse.
Zum Aalfang taugten die Netze nichts. Eine Reuse musste her. Bruno, der mit seinem Buchenholz sehr knauserte, versprach, fürs Aale räuchern, Holz zur Verfügung zu stellen.
Hans meinte, dass es hier Milchaale geben müsste. Die seien sehr selten.
Aale wandern über Wiesen zum nächsten Gewässer. Das ist Tatsache. Aber laut Hans, gingen sie bei ihren Wanderungen an die Euter der Kühe. Das sind dann die Milchaale, das Beste, was es gibt. Die Bauern, die ich bei Mudder Wohlkopf in unserer Kneipe traf, guckten skeptisch bei meiner Erzählung. Obwohl, der eine oder andere hatte schon erlebt, dass morgens Kühe trocken waren. Das könnten die Aale gewesen sein. Ich behielt für mich, das "Knalloog" , einer aus der Maschine, oft früh morgens mit einer kanne Milch an Bord kam.
Er hiess eigentlich Hermann, aber unter uns nur "Knalloog". Hans Neuss, drastisch wie immer, meinte :"Auf dem Gesicht muss einer mit dem Arsch gesessen haben", und zu seinen krummen Beinen :" Ein Wunder, das der damit gerade aus laufen kann." Frauen schienen ihm aus dem Weg zu gehen. Aber wir erfuhren es noch :"Auf jeden Pott passt ein Deckel."

Zwei Neue
Als ob wir nicht genug Leute hätten, kamen noch zwei neue Matrosen an Bord. Es waren die ersten Besatzungsmitglieder aus Pommern. Die Stettiner Bäderlinie, zwischen den Orten, mit so wohl klingenden Namen wie: Ahlbeck, Zinnowitz, Heringsdorf, Misdroy, u.a., hatte ihren Fahrdienst eingeschränkt. Jetzt badeten Viele kostenlos am Atlantik, oder sonst wo in der Welt. Der "Führer" machte es möglich.
Franz Sasse kam aus Ziegenort am Oderhaff, der Andere kam aus Wollin, am Oderdelta. Er wurde immer nur "der Wolliner" genannt. Ziegenort liegt in Vorpommern, Wollin ist schon Hinterpommern. Die Beiden Neuen verband eine lustige Hassliebe, Wobei es mehr Liebe unter Pommerschen Freunden war. Der Wolliner :"Wir sind das Land mit den grossen Gütern verdienter Heerführer!" Franz :"Ihr habt ja noch Leibeigenschaft!"
Hinterpommern war "Mackensen - Land". Hier lebten sie alle, die grossen "Feldherren", vom Kaiser für glorreiche Schlachten mit Land und Gütern bedacht. Franz :"Den Mackensen, den alten Tattergreis, hat sich der Gefreite aus Braunau an seinen Hut gesteckt.
Später in Danzig lernte ich einen Leutnant vom Afrikakorps kennen. Er hatte ein Bein gegen ein Ritterkreuz eingetauscht. Auch er erwartete noch Dank für seinen Einsatz, Allerdings bescheidener :"10 Morgen mittlerer Sandboden in der märkischen Heide wären schön."
Franz ärgerte den Wolliner mit einer Geschichte vom Kaiserbesuch in Pommern: In Vorpommern wurde der Kaiser mit Glanz und Gloria empfangen. Dem wollten die Hinterpommern nicht nach stehen. Ein grosses Transparent wurde aufgehängt:
     "Wurdest du im Vorderm gut aufgenommen,
      Tönt dir aus dem Hintern ein donnerndes Willkommen!"
Solche Scherze taten der Freudschaft keinen Abbruch. Die Beiden lachten zusammen darüber und wir lachten mit. Franz hatte immer einen Spruch auf den Lippen :
     "Der Pommer,
      Ist im Winter,
      Genau so dumm,
      Wie im Sommer."
Oder:
     "Ein Pommer rechter Art,
      Trägt seinen Pelz
      Bis Himmelfahrt."
Er beherrschte auch viele urige Couplets. Ab dem dritten Bier überkam es ihn. In unserer Kneipe, "Die Schanze", bei Mudder Wohlkopf hörte ich die Geschichte von der Docke zum ersten Mal. Docke ist altdeutsch für Puppe, oder Mädchen. Zwei Brüder stritten sich um ein Mädchen. Am Ende beschlossen sie die Teilung. Dem, der so viel von ihrer Schönheit schwärmte, wurde angedient :
     "So lieber Bruder, nimm du den oberen Teil der Docke,
      Den mit dem Unterrocke, den lasse mir."
Franz überraschte uns mit einer Einladung. Wir sollten zu seinem Geburtstag nach Ziegenort kommen. Ein gutes halbes Dutzend von uns machte sich auf den Weg. Franz begrüsste uns freudig. Einen, der schon Anwesenden, stellte er mir mit den Worten vor : "Das ist der, der die letzten vier Messerschmidtbomber nach England geflogen hat." Ich, der kaum etwas über Flugzeuge wusste, muss blöd aus der Wäsche geguckt haben. Mein Gegenüber verwickelte mich in ein Fachgespräch. Ich konnte dem nicht folgen. Franz högte sich. Er hatte mir den Dorftrottel, der nichts wusste, als alles über Flugzeuge, auf den Hals gehetzt. Unser II. zu mir :"Gleich und Gleich gesellt sich gern." Was soll´s ? Den meisten Trotteln sieht man es nicht an.
Es wurde ein gelungenes Fest. Es gab mehr als genug zu essen. Franz, der Seemann hatte  nebenbei eine kleine Landwirtschaft. Kuchen mit so viel Sahne hatte ich schon lange nicht mehr gesehen. Abends gab es Wruken (Steckrüben) mit Bergen von Schweinefleisch. Die Esserei wurde, kriegsbedingt, neben dem Suff, immer wichtiger.
Pferdeschlachter Pupke rückte ohne Lebensmittelmarken nichts mehr raus. Die Pferde, die man den Polen vorm Pflug weg klaute, wurden weniger. Man sang zur Melodie von "Lilli Marleen" : Alle Leute soll´n es seh´n, wenn wir bei Pupke Schlange steh´n...!
Wäre die Aussage vom Heuerbaas doch bloss wahr gewesen. Wie schön müsste es jetzt auf einem Lebensmitteltransporter sein.

"Müssiggangster"
Rudi, der Steward, machte eines Abends in seinem Reich, der Pantry, ein Fass auf. Kein Bier, sondern ein Fass mit Salzheringen. Bei knapper werdenden Lebensmitteln bekamen die, sonst als "Arme - Leute - Essen"gemiedenen "Aussenbordskameraden", ihre Wertschätzung. Die Frage des Wohers stellte man in der Kriegszeit nicht. Hering auf Schwarzbrot und ein Bier dazu, herrlich! Langsam füllte sich die Pantry, die ein Quiddje  Anrichte nennen würde. Wie auf allen Schiffen, standen auch hier Kakerlakenfallen. Die einfachsten bestehen aus einem grossen Glas mit etwas Bier, oder Kaffeepulver darin. Der Rand wird von innen mit Fett bestrichen. Eins der Gläser war schon gut gefüllt mit toten und noch einigen zappelnden Selbstmordkandidaten. Einer konnte das Leiden nicht mehr mit ansehen. Er füllte das Glas mit Bier auf. Der III. aus der Maschine rief :"Wer das aus trinkt, bekommt eine Flasche Cognac!" Karl riss das Glas hoch und hatte es in einem Zug weg gewuppt. Für Cognac tat er alles. Versprochen war versprochen. Her mit der Buddel. In Wahrheit war der Cognac Weinbrandverschnitt. Aber Schnaps war Schnaps, besonders zu der Zeit. Alle freuten sich auf einen ordentlichen Schluck, wussten sie doch, das unser Karl immer großzügig war. Die Flasche wurde vors Licht gehalten, um die schöne Farbe zu bewundern. Das Entsetzen war gross: Kleine Fliegen im "Cognac"! Die Buddel blieb dicht. "Die bringe ich zurück, zum Händler" , meinte der Spender. Davon wurde er aber wohlweislich abgehalten und es wurde gebeichtet, dass man den Schnaps schon längst aus gesoffen hatte, und mit kaltem Kaffee waren die Fliegen mit hinein gerutscht.

Im Hydrierwerk war Heinz Gildehaus, ein Ingenieur aus Bremerhaven beschäftigt. Er hatte sein Segelboot von Zuhause kommen lassen, und benötigte eine seemännische Hand zum Auftakeln. Von einem hohen Metallgerüst am Wasserrand aus - heute weiss ich, dass es eine Rohrleitungsbrücke des Hydrierwerks war - half ich beim Aufrichten des Mastes. Das Aufriggen war dann schnell getan. Wir machten herrliche Törns auf der Oder und im Haff. Ich lernte Ziegenort von der Wasserseite her kennen. Ziegenort lag schon nicht mehr an der Oder, sondern am Papenwasser. Das Oderdelta war ein wunderschönes Segelrevier, Achterwasser, Kaiserwasser, usw. Bei mir schlich sich aber immer wieder der Gedanke ein - Irgendwo hier muss Baumeister sein -



Gastfreundschaft
Wilma wurde nach anfänglichem Zögern eine begeisterte Seglerin. Doch dann kam sie zur Schullandverschickung. Sie fehlte mir. Ich stromerte allein durch Pölitz. Vor den Kneipen horchte ich, ob ich Karl spielen hörte. Er war immer eine Freibierquelle. Unter seinem Stuhl sammelte sich immer ein Vorrat an gespendeten Bieren. Es reichte auch für uns "Nassauer".
Ich machte auch allein eine Runde durch Stettin, ich traf keine Bekannten, aber im letzten Zug nach Pölitz saß "Knalloog". Aufwachen in Ziegenort, wieder mal Pölitz verpennt. "Warum hast du mich nicht geweckt?" "Hab´ selbst verpennt."Das bedeutete, wieder mal maschieren. "Nee", sagte Knalloog, "Komm´mit." Auf Franz´Geburtstag hatte er zarte Bande geknüpft. Er wurde bereits erwartet. Es wurde ein Berg kalter Plinsen verputzt. Wir übernachteten dort. Als ich aufstand, saß Knalloog schon vor einer Pfanne voll Spiegeleier. Ich glaubte, nicht richtig zu hören: "Lass´ ihn auch mal," nuschelte er mit vollem Mund. "Ihm hat ja schon," kam´s von der Hausfrau. Ich hätte vor Scham im Boden versinken mögen. Ich hatte ja gar nicht gewollt, aber war mein Widerstand war auch nicht sehr groß. Knalloog verzog keine Miene. Er war damit beschäftigt, mit einem Stück Brot, die letzten Reste aus der Pfanne zu wischen. Jetzt war ich dran, mit einer Pfanne Spiegeleier.
Es war die älteste Dame meiner erotischen Laufbahn. Pommern sind eben sehr gastfreundlich.
Kurze Zeit später, wurde Knalloog bei der Arbeit vermisst.. Damit er nicht zu viel Ärger bekäme, gab ich einen Hinweis auf seinen eventuellen Aufenthaltsort. Ich glaubte, ihm Gutes zu erweisen. aber nachdem sie ihn gefunden hatten, wurde er in die Heimat abgeschoben. Später schämte ich mich. Ich hatte ihn völlig naiv verraten. Wer weiss, ob er den Krieg in Ziegenort nicht besser überstanden hätte. Ich hörte nichts mehr von ihm. Nach diesem Ereignis mied ich Ziegenort.

Unser Alltag war ein Leben mitten drin, und doch so fern vom grossen Weltgeschehen. Aus dem Lautsprecher kam täglich der Wehrmachtsbericht, monoton langsam, wie zum Mitschreiben. Man hörte nicht mehr hin. Zeitungen gab es auch nicht an Bord. Keiner vermisste sie. Ich kaufte mir manchmal eine in Pölitz, die "Berliner Illustrierte", aber hauptsächlich wegen der Witze auf der Rückseite.
Im Salon gab es eine Bücherei mit vorwiegend englischer Literatur. Die "Bremerhaven" war ja ein alter Engländer. Interessanter, besonders für unseren Musikus Karl, war die Plattensammlung. Wenn der Salon leer war, er war nur für die höheren Range, nutzten wir die Gelegenheit, und dudelten die alten Schwarten ab. Karl schrieb eifrig Noten mit. "Pi Ka Ku Ke, composer unknown, eine hawaiianische Weise". Er meinte, es sei ein altes deutsches Volkslied, ich war für eine italienische Weise. Ich glaubte, es war "Santa Lucia". Konnte es ihm aber, unmusikalisch, wie ich war, nicht vermitteln. Ich dachte an Maria.


Entsetzen
Eines Tages tat sich an Land etwas. Zimmerleute bauten irgend etwas auf. Wir waren neugierig. Zuerst liess sich noch nichts erkennen. Doch dann dämmerte es uns. Unter einem der Handkräne mit seinem Haken, entstand ein Gerüst mit einer Bodenplatte. In ihr war eine Klappe. "Verdammt, das ist ein Galgen!" An einem Sonntag, weil dann alle Inhaftierten an Bord waren, schleppten die SS - Leute einen Polen heran. Es wurde etwas auf Polnisch verlesen, wahrscheinlich das Urteil.
Unsere ganze Mannschaft, vom Kapitän abwärts, stand an Deck und an den Bullaugen, um sich das schreckliche Schauspiel anzusehen. Was geht in Menschen vor. Ich bereue es heute noch. Was kam, war grausam. Nach der Urteilsverlesung mussten zwei Polen ihren, an den Füssen gefesselten Landsmann aufs Gerüst schleppen. Die SS - Leute machten sich ihre Finger nicht schmutzig. Die Augen wurden verbunden, die Schlinge um den Hals gelegt. Wir, mit Tauen vertraut, glaubten unseren Augen nicht. Der Tampen war, für das Gewicht, eindeutig zu schwach, vor allen Dingen auch wegen seiner langen Lose. Die Henker hatten noch nicht viel Erfahrung, was sich bekannterweise schnell änderte.
Die Klappe fiel, und der Tampen riss. Der arme Kerl fand sich im Balkengewirr des Galgens wieder. Er lebte noch. Die SS - Leute zehrten ihn aus dem Gerüst, und schleppten ihn wieder nach oben. Sollte es nicht genug sein? Im Mittelalter soll das anders gewesen sein. Weil man dem Seil nicht mehr traute, kurbelte man den Polen jetzt mit dem Handkran himmelwärts. Es ist eine langsame und grausame Art, so zu sterben. An Bord wurden die Luken geöffnet. Alle Polen mussten, wohl zur Abschreckung, an ihrem toten Kameraden vorbei marschieren. Was immer das Verbrechen des Gehängten gewesen war, wir erfuhren es nicht. Es hiess, er habe mit einer Taschenlampe feindlichen Fliegern Signale gegeben. Wir glaubten das nicht, eher schon, wir hörten es öfter, war es die Liebe  zu einer Deutschen, und das bedeutete Todesstrafe.
Ich hatte aus einem Bullauge, heimlich mit meiner Box, ein Foto von dem dem schrecklichen Tun gemacht. Ich glaubte, dass es wichtig wäre. Das Bild schickte ich vorsichtshalber zu meinen Großeltern nach Bremerhaven. Sie haben es leider aus Angst sofort vernichtet.
Abends spielte die Polenkapelle das alte polnische Kampflied :"Noch ist Polen nicht verloren!" Und :"Lilli Marleen". Uns schmeckte kein Bier. Bald wurde ein weiterer Pole gehängt. Keiner schaute mehr zu.
Pölitz war nach diesen Ereignissen nicht mehr das alte Pölitz. Wir wurden von wildfremden Leuten angesprochen, und mit den Vorkommnissen in Verbindung gebracht. Ich sprach oft mit Wilma, verschwieg aber, dass ich zu geschaut hatte.

Krieg mit Russland
Rudi, unser Steward, erwartete Besuch. Seine Frau mit Tochter wollte aus Bremerhaven kommen. Rudi mietete in Messenthin, bei Stettin, eines der dortigen schönen Sommerhäuser. Sie standen meist leer. Der Bedarf an Sommerfrische war gering. Die Männer trieben sich in der Welt herum. Rudi wollte vorsorgen. Lebensmittel, doch vorwiegend geistige Getränke mussten per Bahn nach Messenthin geschafft werden. Ich sollte schleppen helfen. Bis nach Pölitz stellte sich unser Transportsoldat zur Verfügung, natürlich gegen Bezahlung. Er nahm Zigaretten oder Schnaps. Geld nahm er nicht, das wäre, seiner Meinung nach, Bestechung.
In Pölitz sollten, für den Hausstand, noch Eierbecher gekauft werden. Im Kaufhaus, Rudi war sehr anfällig, gab es reizende Verkäuferinnen. Rudi war auch ein zu schöner Mann. Schwarze Haare, Mittelscheitel mit viel Pomade, eine sehr gepflegte Erscheinung. An Bord nannte man ihn "Parfumbubi." Rudi wollte erst einmal die Eierbecher, passend, mit Eierlikör, aus unserem Bestand testen. Er liess seinen Charme spielen, und die Damen zierten sich nicht lange. Etliche Flaschen Schnaps erlebten Messenthin nicht mehr. Der Ladenbesitzer kam aus der Mittagspause, und beteiligte sich nur zu gerne, Kunden blieben länger. Es wurde lustig. Die Fahrt nach Messenthin wurde aufgeschoben.Auch der Besuch von Rudis Familie wurde verschoben. Das Kriegsgeschrei verhinderte die Reise. "Stalin, ein Freund des Führers, überfiel Deutschland im tiefsten Frieden!" hiess es. Hatte Stalin uns nicht in Murmansk mit der "Bremen", und vielen anderen Schiffen Unterschlupf gewährt? "Aber so sind die Russen." Erst überfallen sie Finnland, und jetzt das deutsche Reich. Das war die allgemeine Meinung. Sogar die Polen an Bord waren sich mit den Deutschen einig. Mit den Russen hatten sie in ihrer Geschichte auch keine guten Erfahrungen gemacht. Dass Deutschland den Krieg begonnen hatte, wurde verschwiegen.
In Pölitz änderte sich dadurch nichts. Hans hatte seine Aalreuse in Arbeit, Bruno schnitzte, Karl soff und musizierte, ich holte jeden Morgen Milch, und die Polen saßen, wie immer sonntags, im Gras und frönten ihrer Leidenschaft: Stiefel putzen. Darauf verwendeten sie viel Zeit. Polnischen Stiefel waren das schönste, weichste Schuhwerk, das es gab.
Im täglichen Wehrmachtsbericht hörten wir :" Die Russen haben sich verrechnet. Die deutsche Wehrmacht schlägt zurück. Bald herrscht wieder Ruhe. Leningrad ist belagert, und Moskau ist in Sicht. Wir treffen uns auf dem roten Platz."

    Deutsche Panzer auf dem Vormarsch in Russland


Auf Wiedersehen, mein Pölitz
Das Baltikum war befreit. Die alte Linienfahrt vom "Seedinst Ostpreussen", Stettin - Lettland - Finnland , sollte wieder neu eingerichtet werden. Sollten die Baltendeutschen, die wir 1939 " heim ins Reich" geholt hatten, wieder zurück gesiedelt werden??? Schiffe mussten her. Die ehemaligen Schiffe vom Seedienst waren zu Beginn des Krieges der Kriegsmarine unterstellt worden. 


Die M.S. Tannenberg vom Ostpreussischen Seedienst (Aus: Danzig u. seine Ostseebäder)

Die Bananenfahrt wartete noch immer auf den Endsieg. Ständiger Termin: nächste Weihnachten! Die Bananendampfer waren, wegen ihrer Klimaanlagen auch gut für Menschenfracht geeignet, und das Horten von Seemännern machte sich jetzt auch bezahlt.
Hans Neuss, unser II. Ingenieur sollte in Danzig auf dem Dampfer "Brake", auch ein Schiff der Unionreederei, einsteigen. Ein Matrose sollte mit. Ich war mit Hans befreundet, obwohl es nicht gerne gesehen wurde, dass höhere und niedere Ränge enger mit einander verkehrten. Er fragte mich :"Willst du mit?" Ich freute mich, von diesem Lotterleben in der Provinz, befreit zu werden. So wurde ich zum Vollmatrosen befördert. Beim Llyod dürfte ich jetzt drei Streifen am Kragen tragen. Hier liefen wir ja nur immer in selbst genähten Takelbuxen herum, Segeltuch wurde gestellt. Die, für die Beförderung notwendige Fahrzeit auf einem Segelschiff wurde bis zum Endsieg zurück gestellt.
Wie sage ich es meiner Wilma? "Danzig ist nicht weit. Ich komme öfter mal rüber. Ich schreibe oft." Ein schwieriges Versprechen. Wir wussten beide, dass es zu Ende war.



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