Donnerstag, 2. Juli 2015

DAS POLENSCHIFF

Pölitz war ein sehr überschaubares Dorf. Es hatte nicht mal einen richtigen Hafen. Wo war das Schiff. Ein Bananendampfer wäre hier aufgefallen. Wir gingen zur Post, um zu telefonieren. Gegenüber lag einladend das "Hotel zur Post". Karl meinte :"Die haben auch Telefon". Ich wollte und konnte kein Bier mehr sehen. Ich war auch lange noch nicht so im Training, wie es sich für einen guten Matrosen ziemte. Ich war noch nicht "Vollmatrose". Später wusste ich, dass Saufen nicht nur zur Seefahrt, sondern auch zum Krieg gehörte.
Der Wirt war, in der Hoffnung auf neue Stammkunden, sehr entgegen kommend. Lasst euer Gepäck man hier und lauft los. Das Schiff liegt ungefähr eine halbe Stunde von hier. Die Frage nach einer Straßenbahn löste Heiterkeit aus. Wir hörten hier auch zum ersten Mal den Ausdruck : "Polendampfer".

Als wir uns auf den Weg machten, war es schon ziemlich dunkel. Was für einen Tag hatten wir hinter uns, und was kam jetzt auf uns zu? Wir maschierten aus dem Dorf ins Nichts. Vor uns war nichts, links und rechts war nichts, nur Landschaft. Es war gespenstisch. Wir kamen nicht weit. Ein Wehrmachtslastwagen holte uns ein. Ein Soldat : "Ihr wollt zum Polendampfer?" Wieder dieses "Polendampfer", und woher wusste er das? "Die Strasse führt nur zum Polendampfer, sonst ist da nichts." Sie war sogar nur für diesen Zweck angelegt worden. "Steigt auf. Wo ist euer Gepäck?" "Im Hotel." "Das holen wir." Die Freundlichkeit des Soldaten war nicht ganz ohne Eigennutz, wie sich später herausstellte. Er gehörte praktisch zur Mannschaft und nutzte den fahrbaren Untersatz des großdeutschen Reichs für private Kurierdienste. Er hatte darauf ein Monopol, da es in dieser Wildnis kein anderes Transportmittel gab. Die Aufbesserung seines Solds war ihm, mit seinem im Polenfeldzug zerschossenem Arm, gegönnt. Wir mussten wieder selbst für unsere Fahrt berappen.
Wir erreichten einen hohen Zaun. Hinter dem Tor eine beleuchtete Bude mit einer Wache, und dahinter hochaufragend im Dunkel unsere "Bremerhaven. Die Szenerie wirkte bedrohlich. An Bord wurden wir mit Hallo empfangen. Otje und ich, beide Leichtmatrosen, waren die einzigen Decksleute unter den Neuen. Die anderen waren Maschinenleute. Ich traf alte Bekannte von der "Kraft durch Freude" - Fahrt wieder, Heini Müller, den "Amerikaner" und Jan Kiek, der mal in der argentinischen Pampa Nähmaschinen repariert hatte. Heini Müller war jetzt noch dünner, als früher. Wo der Bauch sein sollte, war ein Loch, und hinten war auch nichts. Er hatte es mit dem Magen, und frass pfundweise Natron, was ihn aber nicht vom Bier trinken abhielt. Schon wieder hatten wir volle Gläser vor uns, frisch gezapft. Woher kam hier das Fassbier? Das Rätsel löste sich bald. Es gab an Bord eine "Bar" für die Polen. Für welche Polen?
Es gab viele Fragen, und viel zu berichten. Wofür liegt das Schiff hier? Was wird unsere Aufgabe sein? Die "Bremerhaven" lag hier als Wohnschiff für hunderte von polnischen Arbeitern. Die meisten hofften, irgendwann eingedeutscht zu werden. Die es geschafft hatten, hiessen im Volksmund "Rucksackdeutsche".
 Nichts war mit "Lebensmitteltransport". Das war nur ein Lockmittel des Heuerbaas gewesen. Die Luken waren ausgebaut mit dem Nötigsten: Kojen, Tische, und was man sonst so brauchte. Die Polen arbeiteten im nahen Hydrierwerk, das einmal Kohle zu Benzin verflüssigen sollte.

  
Die Messe füllte sich mit immer mehr Neugierigen. Steward, Offiziere, alle wollten die Neuen sehen. Es wurde spät. Karl und die anderen Heizer bezogen ihre Buden an Backbord. Wir Decksleute hatten, völlig unüblich, unsere achtern auf Steuerbord, unter dem Poopdeck.
Ich fiel in tiefen Schlaf, war aber schon früh wieder wach. Was für ein Bild. Das Schiff lag in einem alten Arm der Oder, die hier schon eine gewisse Breite hatte. Runherum nur Wiesen, nur "Umgebung", sonst nichts. Beinlose Rinder schwebten über dem Bodennebel. Ein paar hundert Meter weiter, machte ich ein Gehöft aus. Eine Kneipe in der Einsamkeit. Bei Mutter Wohlkopf gab es herrliche pommersche Lungwurst. Die sollte noch oft meinen Hunger stillen.

 

Es war ein wunderschöner Morgen. Eine Stimmung, um sich in dieses Land zu verlieben. Fast lautlose Stille, nur die Vögel zwitscherten und die Fische sprangen. Der Duft von Gras, Heu und Wasser lag in der Luft.
Unsere Anlegestelle, eher ein Steg, als eine Kaje, war aus Holz. Es standen Handkräne darauf, die einmal die Verbindung mit Schläuchen zu den Tankschiffen herstellen sollten. Noch ragten sie nutzlos in den Himmel. Eines Tages, sollte einer von ihnen für Schreckliches mißbraucht werden.
Die Aufgänge der Luken wurden aufgeschlossen. Mit Kannen wurde von Luke drei aus, Tee aus einem 1000 - Literkessel an die Polen ausgeschenkt. Mal sehen, was es sonst noch gab. Mittschiffs roch es aus der Küche nach frischen Brötchen. Hier wirkte der Kochsmaat Paul Pinto, ein Holländer. Jan Kiek kam, mit sein Kätzchen im Schlepptau und einem Kännchen in der Hand, um heisses Wasser für seinen Privatkaffee, zu holen. Das war sein tägliches Ritual.

Für mich wurde es, obwohl ich hier eine gute Zeit erlebte, das erste Schiff, das mich mit Hunger, und den bösen Seiten des Kriegs bekannt machte. Es war für mich ein groteskes Bild, als ich zum ersten Mal sah, wie die Riesenmenge von Leuten, aus den Luken geradezu heraus quollen und auf Lastwagen stiegen, die sie zum Hydrierwerk brachten. Alle hatten ein "P", für Pole, auf ihren Jacken.
Es war nicht leicht für mich, mich in ein derart sonderbares Leben, wie wir es hier an Bord führten, einzuleben. Für ein Schiff ohne seemänische Aufgaben, war es überbesetzt mit Schiffspersonal. Welchen Zweck erfüllten allein die vielen Nautiker an Bord? Es waren auch immer einige Ehefrauen da. Es war, wie eine sonderbare Sommerfrische. Man hatte das Gefühl, dass von der Reederei
Besatzung vorgehalten wurde, um bald wieder Bananen aus Santa Martha zu holen. Der Krieg hatte ja schon Weihnachten `39 zu Ende sein sollen. Als anderer Grund wurde genannt, dass Seeleute nicht eingezogen werden konnten, wenn sie "UK" - unabkömmlich - waren.
In einer unserer freien Buden achtern, wohnte ein polnisches Ehepaar. Er war so etwas wie der Hausmeister, seine Frau erledigte die Reinigungsarbeiten für die Lagerwachmannschaft. Die bestand aus SS - Leuten. Es war das erste Mal, dass ich solche Uniformen sah. Die Maschinenleute schliefen an Backbord. Dort hatten auch die Wachleute ihre Kammern und Büros.
An Luke 4 war in einer Holzbude ein polnisches Postamt untergebracht, geleitet von Max Kuhr aus Stolp, einem sehr jungen SS - Mann. Wir nannten ihn "Postminister". Die Polen bekamen sehr häufig Pakete. Sonst hätten sie wohl noch mehr Kohldampf geschoben und auch keinen Wodka gehabt. Obwohl verboten, war in jedem Paket Wodka. Max drückte immer, mehr als ein Auge zu.
Zur Wachmannschaft gehörten noch Karel, auch sehr jung, er war der Dolmetscher und drei weitere, ältere SS - Leute. Mit Max, und besonders mit Karel hatte ich bald Freunschaft geschlossen. Karel kam aus dem slawischen Raum, und sprach sieben  Sprachen aus dem Vielvölkerstaat. Karel und ich fuhren, aber davon später, mit unseren Freundinnen oft nach Stettin. Für mich hatte es zu der Zeit noch keine Bedeutung, dass sie SS - Leute waren, das kam später.
Wir unterhielten uns manchmal mit den Polen, am Bierausschank, oder wenn sie abends auf der Wiese beim Schiff saßen. Etliche von ihnen waren freiwillig zum Arbeiten nach Deutschland gekommen. Sie hatten gehofft, eingedeutscht zu werden. Doch dann wurden sie zur Zwangsarbeit verpflichtet, und bekamen das"P" auf die Brust. Auch auf dem Schiff gaben sie die Hoffnung nicht auf. Viele sprachen ein ausgezeichnetes Deutsch. Einige wurden auch eingedeutscht. Das nährte die Hoffnung der Anderen. Im Volk wurden sie abfällig "Beutegermanen" genannt.

Mann über Bord!
Viel Arbeit fiel im seemänischen Bereich nicht an. Bruno, der Zimmermann hatte seine Bude im Vorschiff. Ich saß oft bei ihm zum Klönen, begleitete ihn auf seinen Peilgängen und half ihm beim Abschmieren aller beweglichen Teile. Das Schiff musste doch, für die zu erwartenden Bananenreisen, in Schuss gehalten werden. Im Vorschiff lag auch Brunos Werkstatt. Hier widmete er sich seiner Haupttätigkeit - nicht kriegswichtig, aber lukrativ - der Herstellung von Schmuckkästchen, mit feinen Furnier- und Intarsienarbeiten, oder muschelgeschmückt. Ich half beim mühsamen Polieren, und bei der Muschelsuche. Eines Tages meinte Bruno entschlossen :"Ich baue ein Paddelboot." Bedingt durch die Grösse der Werkstatt, wird es etwas kurz geraten. Dazu mehr, wenn der Stapellauf ansteht.
Sein Wunsch nach einem Paddelboot hatte einen Hintergrund. Bisher nahm man, wenn es einen überkam, das Arbeitsboot und segelte über die Oder, zu einer der kleinen, verschwiegenen, hinterpommersche Kneipen in Ihnamünde. Eines Tages bei der nächtlichen Rückkehr, ging Baumeister, nicht mehr ganz nüchtern, über Bord. Es erforderte seine Zeit, das schwere Segelboot auf Rückkurs zu bringen. Alles Rufen half nichts, Baumeister war verschwunden. "Er wird, das Wasser ist warm, an Land geschwommen sein, und uns dort lachend empfangen". Diese Hoffnung erfüllte sich nicht. Alle waren ratlos. Es musste gemeldet werden. Nun schmeiss mal mit einer derartigen Meldung den Alten aus der Koje. "Wecken wir erst mal den II., Hans Neuss, mit dem kann man reden." Bevor Neuss den Alten weckte, segelten sie die Tour nochmal ab. Sie durchkämmten die Insel zur Oder hin, und suchten auch das gegenüber liegende Ufer bei Ihnamünde ab. Bei Morgengrauen war man sich sicher :"Baumeister ist abgesoffen." Einige meinten, ein Schiff könnte ihn aufgepickt haben. Aber Baumeister blieb verschwunden. Im grossen Delta der Oder wird keiner so schnell gefunden. Später hatte ich privat die Gelegenheit, das Oderhaff abzusegeln. Heimlich sah ich in jede Schilfbucht, als könne ich dort Baumeister entdecken.
Die Segelei mit dem Arbeitsschiff zum Privatvergnügen hatte ein Ende und war der Beginn von Brunos Bootsbauerei. Es traf ihn nämlich besonders hart. Er hatte drüben im Hinterpommerschen bei Bauer Schnipkoweits Dreimädelhaus einen Pflock eingeschlagen. Eine der Schönen hatte es ihm angetan. "Wenn der Krieg aus ist, werde ich Bauer." Schon jetzt machte er sich auf dem Hof mit allerlei Holzarbeiten nützlich.
Die Liebe ist eine Himmelsmacht. Ein Boot musste her.
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"Milchbubi"
Wir an Bord mussten irgend wie beschäftigt werden. Meine bisherigen seemänischen Kenntnisse, Deckschrubben, Farbe waschen, Pönen, Messing putzen und nicht zu vergessen, Matrazen schleppen, wurden jetzt durch Rost klopfen erweitert. Das war eine elende Schinderei. Ich ging dem, mit einem täglichen Spaziergang nach Pölitz, aus dem Weg. Ich war zum Einkäufer befördert worden, für die tägliche Milchration für die Kombüse. Das brachte mir einen neuen Titel von der Frau des II., Hans Neuss, ein. Ich war von da an der "Milchbubi"; immerhin besser, als "Milchmädchen. Donnerstags kam der Fischeinkauf dazu. Das Dienstrad benutzte ich nur für schwere Lasten. Die Fische, das waren Plötzen und Brassen, elendes grätenreiches Zeug. So etwas kannte ich nicht. als Bremerhavener war ich mit Seefisch verwöhnt. Manchmal gab es, weil wir gute Kunden waren, einen Hecht oder Zander als Zugabe. Das sollten Edelfische sein. Ob sie edel waren oder nicht, blieb mir verborgen. sie kamen nur bei den hohen Mittschiffsleuten auf den Tisch. Freitags Fisch. Auf den Gräten mochte ich nicht herum kauen. Die Vorsuppe rettete mich. es gab Brotsuppe mit Rosinen. Die Reste der Woche wurden freitags, zu dieser, mir köstlich schmeckenden Suppe, verarbeitet. Den Fisch überliess ich den Anderen. Die Verpflegung war schon vom Mangel bestimmt. Fritz, einer der Köche gab sich alle Mühe. Hätte er nicht großzügig mit Zuckerculeur und der Maggiflasche gearbeitet, hätte das Essen wohl noch schlimmer geschmeckt. Ich holte mir beim Pferdeschlachter Pupke, in Pölitz, oft ein ordentliches Stück Pferdewurst. Die schmeckte gut, und ich wurde satt. Fürs Schiff kaufte ich ein Mal in der Woche Pferdegulasch. Doch es gab einigen Protest gegen "Hotte Hü" auf dem Teller.



Ich genoss die morgendlichen Wanderungen. Ich liess mir Zeit, nahm nicht die Strasse, sondern eine Abkürzung durch die Rieselfelder. Ich wusste nicht, warum, aber dieser Schleichweg war verboten. Die einzige Gefahr bestand darin, dass die Dämme bei viel Regen brechen könnten. Wir benutzten diesen Weg auch nachts. Ohne Mondschein war es unheimlich. Weit und breit war keine Menschenseele. Wir brüllten das neuste Lied von Hans Leip: "Lili Marleen", gesungen von Lale Andersen, einer Bremerhavener Deern. Ihr bürgerlicher Name war Liselotte Helene Bunnenberg, Tochter eines Lloydstewards, wie sollte es in Bremerhaven auch anders sein.


Der Schinken im Salz und seine Folgen
Fliegeralarm war selten, und immer nur nachts. Zu der Zeit nahm man sie noch nicht so ernst. Sie drehten über unserem Schiff. Die feindlichen Flieger orientierten sich zuerst an der Oder, dann war unser, hoch aus der flachen Landschaft ragender "Pott" der nächste ideale Peilpunkt, um Kurs auf die IG - Farbenwerke, das Hydrierwerk und Peenemünde, zu nehmen. Von diesen Zielen wussten wir natürlich, wie üblich, nichts. Hohe Militärs kamen an Bord, und es wurde überlegt, das Schiff öfter an einen anderen Liegeplatz, zu verholen. Die Idee wurde verworfen, es hätte wohl keinen grossen Nutzen gehabt. Man sprach davon, dass etliche Kilometer vom Hydrierwerk, ein Scheinwerk aus Holz errichtet werden sollte.
Eines Nachts gab es Fliegeralarm, als ich gerade mit dem Rad zurück zum Schiff wollte. Die Strassen in Pölitz waren dunkel und leer. "Halt! Warte!" Überall gab es Warte. Blockwarte, Hauswarte, Luftschutzwarte, und sonstige Wärter. Zwei davon hielten mich an. Sie nahmen den Krieg sehr ernst. Sie hatten ein Amt, somit Macht und Verstand. "Zum Polenschiff ?" Höchst verdächtig! Vor allem wegen meines polnischen Nachnamens. Ich wurde erst einmal eingesperrt. Die Polizei telefonierte mit dem Schiff, und verlangte mitten in der Nacht, dass jemand käme, um den Verdächtigen zu identifizieren. Hans, der II. meinte nur :"Der soll sich mal ordentlich ausschlafen." Am nächsten Morgen liess man mich laufen. Doch Strafe musste sein. Der Kapitän verdonnerte mich zum kriegswichtigen, "eisernem Sparen". Was aus meinem Geld wurde, weiß ich nicht. Es verschwand wohl in den Kriegskassen.
Als Bruno damit ankam, das er seinem Schwiegervater in spe versprochen hatte, dass einige von uns bei der Heuernte helfen würden,meldeten sich ein paar Männer freiwillig. Unser "Alter" konnte gegen kriegswichtige Erntehilfe nichts einzuwenden haben. Sie freuten sich über die Abwechslung. Die Töchter des Bauern hatten natürlich auch keine geringe Anziehungskraft. Ich wollte nicht mit. Wie sagte Grossvater, der alte Krieger immer :"Niemals freiwillig melden." Doch der Alte verdonnerte mich dazu, denn ich hatte noch einen Schinken bei ihm im Salz.

Der Sommer war sehr heiss. Die Hitze war gut fürs Heu, aber eine Tortur für die, die Feldarbeit nicht gewohnten, Seeleute. Nach jeder Fuhre hingen wir unter der Pumpe. Abends wurde es immer reichlich spät. Das Heu musste rein. Schnell wieder an die Pumpe, zur innerlichen Erfrischung, dann in die Ihna zur äusseren Abkühlung. An andere Reize dachte keiner mehr. Das Essen war ungewöhnlich. Es gab Dickmilch mit grünem Salat. Wir schliefen in Betten auf Stroh, die Federbetten waren wintertauglich. Die offenen Fenster luden die Mücken zu einem Festmahl ein. Seemannsblut schien eine Delikatesse zu sein. Drei Tage waren genug. Ob Bruno noch Bauer werden wollte?
Ich beeilte mich, wieder an Bord zu kommen. Ich hatte Angst, das meine Vertretung am Einkauf Gefallen gefunden haben könnte, und ich meine Aufgabe los war. Die Angst war unbegründet. Otje Schaller war froh, davon befreit zu sein. Das Rostklopfen und Pönen war zu meinem Glück eingestellt worden. Man hatte festgestellt, das die Kriegsfarben auf Kunststoffbasis keinen Schutz gegen neuen Rost boten.
Nach ein paar Tagen hatte ich mich von dem unfreiwilligen Ernteeinsatz erholt. Die Knochen taten nicht mehr weh und die Mückenstiche waren weg. In Ihnamünde mit der gemütlichen Kneipe, mit dem schönen Namen "Kaffeeberg", war ich nie wieder.

So nahmen wir teil am grossen Weltgeschehen. Tagsüber badeten wir in der Oder, abends saßen wir oft in Luke 4 in der "Bar", dem Bierausschank für die Polen. Für ihren mageren Lohn bekamen sie dort etwas Ablenkung durch Bier und Musik. Eng war es in dem Kabuff. Aber man rückte zusammen. Die "Bardame" war die Frau eines unserer Maschinisten. Musik lieferte die Polenkapelle. Karl, unser Musikexperte, war voll des Lobes. Auch er hatte mehr drauf, als "Bel Ami". Paul Pinto, unser Koch, spielte auf seiner Mundharmonika Jazz, "Negermusik!" Teddy Stauffer :" In einer Hafenbar spielen Kongoneger Panama." Ich spielte Schach mit Rudi Wiehle, dem I. Steward. Einsatz war immer eine Flasche roten, französischen Beuteweins zu 50 Pfennig. Nebenan in einer der freien Buden ging es um höhere Beträge. Es wurde gezockt.

Wilma und ein Buchstabe zuviel
Ich fuhr manchmal mit Karel, dem SS - Mann, wir hatten uns angefreundet, oft aber auch  alleine nach Stettin, zum Barbummel. Café Willy in der Moltkestrasse, Café Ponard am Paradeplatz, waren die Anlaufpunkte. So viele junge Damen! Wir waren gern gesehen, da Männermangel an der Heimatfront herrschte. Mit dem letzten Zug fuhr ich zurück. Ich landete mehr als einmal in Ziegenort, der Endstation. Ich war eingeschlafen und hatte Pölitz verpasst. Was tun? Im Bahnhof konnte ich nicht warten, der wurde abgeschlossen, also laufen. Es waren rund 20 Km. Ich kam gleichzeitig mit dem ersten Zug aus Ziegenort in Pölitz an. Auf einer meiner Touren lernte ich im Zug Wilma aus Jasenitz kennen. Jasenitz lag drei Kilometer von Pölitz entfernt. Drei Kilometer, die ich oft maschierte.
Als Wilma und ich wieder einmal nach Stettin fuhren, waren eine Freundin von Wilma, und Karel mit von der Partie. Wilmas Freundin war etwas enttäuscht. Sie hatte einen jungen Mann in fescher  Uniform erwartet. Jung war Karel, aber er kam in Knickerbockern. Wir Seeleute und auch die Wachleute trugen Uniform nur, wenn offizieller Besuch an Bord kam. In Stettin, im "Trocadero" war Wunschkonzert auf Zuruf. Es wurde ein lustiger Abend. Wilma rief laut ihren Wunsch durch die Bar :"Erotika!" Ich kannte das Stück nicht und der Titel war mir sehr peinlich, die Kapelle spielte es auch nicht. "Heimat, deine Sterne", war wegen des Heimwehs vieler, angesagter. Zurück an Bord, fragte ich erst mal Karl, unseren Musikexperten :"Erotika, was ist das für ein Lied?" Mit der Antwort konnte ich nichts anfangen :"Das ist von einem ganz Grossen. Du hast einen Buchstaben zuviel, genau so, wie in "arisch" das "i" zuviel ist." Verstanden habe ich es erst viele Jahre später, und es blieb eine liebe Erinnerung an einen fröhlichen, versoffenen Heizer. Karl wohl der einzige Heizer der christlichen Seefahrt, der Musik studiert hatte. Was hatte ihn wohl an den Suff, und in die Maschine, gebracht?





Die Fahrten nach Stettin mit den Damen und andere Extravaganzen waren nicht billig. Doch ich hatte eine Einnahmequelle auf getan, und konnte es mir leisten. Ich kellnerte an den Wochenenden in Pölitz, im "Hotel zur Post" bei Willi Wolf. Kellner waren in der Heimat knapp. Der Füher hatte zu den Waffen gerufen. Für die Musik sorgten Karl und ein blinder Schlagzeuger. Rudi, unser Steward verpasste mir eine weisse Jacke und versuchte, mir das Binden einer Fliege, bei zu bringen. Doch ich begriff es nicht. Fliegenknoten gehören nun mal nicht zu den Seemannsknoten. Eine dunkle Krawatte tat es auch. Der Tanzsaal bei Willi brummte. Für die Enlohnung der Musiker sorgte ich. Immer, wenn ihnen jemand ein Bier spendieren wollte, sagte ich :"Ein Groschen tut´s auch," und Bargeld lachte. Es war ein Leben, wie im tiefsten Frieden; Piesporter Goldtröpfchen, Kröver Nacktarsch, Liebfrauenmilch und Oppenheimer Krötenbrunnen, alles noch Vorkriegsware. Gekühlt wurde der Wein in einer grossen, mit Wasser gefüllten Zinkwanne hinter der Theke. Die Etiketten lösten sich bald ab, und wurden je nach Bestellung, heraus gefischt, und auf irgendeine Flasche geklatscht. Beschwerden gab es nie. Als Kellner machte ich eine gute Mark. Fast noch wichtiger, als das Geld, waren angesichts unserer mageren Bordverpflegung, die riesigen Portionen pommerschen Schweinebratens.
Zusatzverpflegung brachte auch meine, nicht ganz selbstlose Hilfe beim Brötchen backen morgens in der Bordküche. Ich knetete Teig, und rollte ihn zu einzelnen Portionen. Es war nicht ganz einfach, mit links und rechts gleichzeitig, ein Brötchen zu formen. Jetzt wusste ich auch, warum Brötchen in Amerika "Rolls" hiessen. Wenn der Ofen die richtige Temperatur hatte, Bleche hinein, ein Tasse Wasser hinter her, und warten auf goldbraune, herrlich duftende Brötchen. Bis zum Frühstück, hatte ich schon meine Portion mit Margarine verdrückt. Das gleiche hatte ich auf der "Bremen" erlebt, nur mit Butter.



An den Wochenenden, an denen ich kellnerte, war auch immer Wilma da. Mir gefiel es nicht, dass sie mit jedem "Trottel" tanzte. Ich war eifersüchtig. Auch die Hitlerjungen  vergällten mir den Spaß an der Arbeit. Kraft ihrer Armbinde, hatten sie die Macht, Jugendliche vom Vergnügen auszuschliessen. Wilma ging ja noch zur Schule, und hätte als BdM - Mädchen grossen Ärger bekommem können. Eine weitere Gefahr war war die häufige Androhung von Prügel. Ich hatte den Auftrag vom Wirt, unter den Tischen versteckte, selbst mit gebrachte Schnapsflaschen zu melden. Es war dann Korkengeld fällig. Die erwischten Gäste drohten mir. "Bist du schon mal gegen solch eine Faust gelaufen?" Die Sprüche und die H.J. - Streifen liessen mich meine Kellnerlaufbahn in Pölitz beenden. Doch Kellnern würde später noch, ein paar Mal, meinem Lebensweg eine neue Richtung geben.


Meine morgendlichen Dienstwege und Wilma, die ich, wenn es die Zeit zuließ, von der Bugenhagen - Oberschule, abholte, ließen keine Langeweile aufkommen. Ich war immer im Trab. Ich hatte aber das Gefühl, in diesem einsamen Winkel der Erde, zu versauern.Da kam der Einberufungsbefehl zum Reichsarbeitsdienst gerade recht. Endlich neue Tapeten sehen! Leider funkte der "Alte" dazwischen. Seeleute seien unabkömmlich. Später, als ich Jüngere als mich, mit Panzerfäusten im Arm und schief sitzenden Helmen auf den Kinderköpfen sah, war ich ihm für diese Einmischung, nachträglich, sehr dankbar.
Meine Zeit war aus gefüllt. Ich ließ mich von Wilma sogar öfter sonntags in die Kirche schleppen. Der Lohn dafür war ein dicker Rollbraten mit Backpflaumen bei ihrer Familie.

Nach und nach bemerkten wir Risse in dieser scheinbaren Idylle. Max Kuhr, der "Polenpostminister" hatte sich freiwillig zur Front gemeldet. Er konnte das Lagerleben nicht mehr ertragen. Auch wir litten mit, nachdem die Lagerleitung immer öfter Polen für kleine Vergehen verprügelte.  In der Schule waren wir zwar oft verprügelt worden, das war derzeit normal, aber hier hörte ich die Schreie von Erwachsenen aus den Büros der SS, die in unserem Wohnbereich lagen. Nicht einmal der Kapitän, auf einem Schiff nächster zu Gott, konnte eingfeifen. Es war schrecklich. Wie war die Welt verkommen.



Der Stapellauf von Brunos Paddelboot stand an. Es war, wie gesagt, wegen der Werkstattlänge, etwas zu kurz geraten. Das bedeutete Stabilitätsprobleme.Schon der Einstieg war eine wackelige Angelegenheit. Als erstes machte Bruno eine Eskimorolle, allerdings nur die Hälfte davon. Mit unserer Hilfe kam er prustend wieder an die Oberfläche. Noch ein Toter wäre für den Alten zuviel gewesen. Bruno musste sein Boot verschrotten.
Das Holz bekam Hans Hansen für seinen Räucherofen. Hans war ein Matrose aus Dänemark. Per Lastkraftwagen versorgte ihn unser Wehrmachtsfahrer oft mit einer Kiste Bier. Es war, unter der Koje verstaut, sein Schlafmittel. Oft hörte ich nachts, in meiner Koje über ihm, sein "gluck - gluck - gluck." Unser Däne war ein glühender Verehrer unseres Führers. Ein Foto Hitlers hing neben dem Bild eines dänischen S.A. - Führers in seiner Koje. Hans´ Lektüre war das Buch, das die Bibel ersetzen sollte : Hitlers "Mein Kampf". Es war bestimmt das einzige Exemplar an Bord. Ich sollte ihm manchmal Passagen, die er nicht verstand, erklären. Ich verstand meist auch nichts. Hans versuchte sich, mit wenig Erfolg, als Missionar. Selbst bei den SS - Leuten konnte er nichts werden.
     Hans kam aus der Fischerei. Er hatte in seiner vielen Freizeit lange Stellnetze geknüpft. Vor dem Schilf am Ufer aufgestellt, mit einer Stange die Fische auf gescheucht, brachten sie gute Ergebnisse. Nur, was sollten wir mit dem "Unkraut", den Plötzen und Brassen, anfangen? Diese grätigen Dinger holte ich ja jeden Donnerstag aus Pölitz. Hans wollte sie kochen und sauer einlegen. "Dann merkst du die Gräten nicht mehr." Doch Fritz Einen, unser Koch, schmiss ihn aus der Küche. Es spielte vielleicht auch eine Rolle, das er selbst Kommunist war. Hans bastelte darauf hin, an Land, einen Räucherofen. Die Polen waren dankbare Abnehmer seiner Erzeugnisse.
Zum Aalfang taugten die Netze nichts. Eine Reuse musste her. Bruno, der mit seinem Buchenholz sehr knauserte, versprach, fürs Aale räuchern, Holz zur Verfügung zu stellen.
Hans meinte, dass es hier Milchaale geben müsste. Die seien sehr selten.
Aale wandern über Wiesen zum nächsten Gewässer. Das ist Tatsache. Aber laut Hans, gingen sie bei ihren Wanderungen an die Euter der Kühe. Das sind dann die Milchaale, das Beste, was es gibt. Die Bauern, die ich bei Mudder Wohlkopf in unserer Kneipe traf, guckten skeptisch bei meiner Erzählung. Obwohl, der eine oder andere hatte schon erlebt, dass morgens Kühe trocken waren. Das könnten die Aale gewesen sein. Ich behielt für mich, das "Knalloog" , einer aus der Maschine, oft früh morgens mit einer kanne Milch an Bord kam.
Er hiess eigentlich Hermann, aber unter uns nur "Knalloog". Hans Neuss, drastisch wie immer, meinte :"Auf dem Gesicht muss einer mit dem Arsch gesessen haben", und zu seinen krummen Beinen :" Ein Wunder, das der damit gerade aus laufen kann." Frauen schienen ihm aus dem Weg zu gehen. Aber wir erfuhren es noch :"Auf jeden Pott passt ein Deckel."

Zwei Neue
Als ob wir nicht genug Leute hätten, kamen noch zwei neue Matrosen an Bord. Es waren die ersten Besatzungsmitglieder aus Pommern. Die Stettiner Bäderlinie, zwischen den Orten, mit so wohl klingenden Namen wie: Ahlbeck, Zinnowitz, Heringsdorf, Misdroy, u.a., hatte ihren Fahrdienst eingeschränkt. Jetzt badeten Viele kostenlos am Atlantik, oder sonst wo in der Welt. Der "Führer" machte es möglich.
Franz Sasse kam aus Ziegenort am Oderhaff, der Andere kam aus Wollin, am Oderdelta. Er wurde immer nur "der Wolliner" genannt. Ziegenort liegt in Vorpommern, Wollin ist schon Hinterpommern. Die Beiden Neuen verband eine lustige Hassliebe, Wobei es mehr Liebe unter Pommerschen Freunden war. Der Wolliner :"Wir sind das Land mit den grossen Gütern verdienter Heerführer!" Franz :"Ihr habt ja noch Leibeigenschaft!"
Hinterpommern war "Mackensen - Land". Hier lebten sie alle, die grossen "Feldherren", vom Kaiser für glorreiche Schlachten mit Land und Gütern bedacht. Franz :"Den Mackensen, den alten Tattergreis, hat sich der Gefreite aus Braunau an seinen Hut gesteckt.
Später in Danzig lernte ich einen Leutnant vom Afrikakorps kennen. Er hatte ein Bein gegen ein Ritterkreuz eingetauscht. Auch er erwartete noch Dank für seinen Einsatz, Allerdings bescheidener :"10 Morgen mittlerer Sandboden in der märkischen Heide wären schön."
Franz ärgerte den Wolliner mit einer Geschichte vom Kaiserbesuch in Pommern: In Vorpommern wurde der Kaiser mit Glanz und Gloria empfangen. Dem wollten die Hinterpommern nicht nach stehen. Ein grosses Transparent wurde aufgehängt:
     "Wurdest du im Vorderm gut aufgenommen,
      Tönt dir aus dem Hintern ein donnerndes Willkommen!"
Solche Scherze taten der Freudschaft keinen Abbruch. Die Beiden lachten zusammen darüber und wir lachten mit. Franz hatte immer einen Spruch auf den Lippen :
     "Der Pommer,
      Ist im Winter,
      Genau so dumm,
      Wie im Sommer."
Oder:
     "Ein Pommer rechter Art,
      Trägt seinen Pelz
      Bis Himmelfahrt."
Er beherrschte auch viele urige Couplets. Ab dem dritten Bier überkam es ihn. In unserer Kneipe, "Die Schanze", bei Mudder Wohlkopf hörte ich die Geschichte von der Docke zum ersten Mal. Docke ist altdeutsch für Puppe, oder Mädchen. Zwei Brüder stritten sich um ein Mädchen. Am Ende beschlossen sie die Teilung. Dem, der so viel von ihrer Schönheit schwärmte, wurde angedient :
     "So lieber Bruder, nimm du den oberen Teil der Docke,
      Den mit dem Unterrocke, den lasse mir."
Franz überraschte uns mit einer Einladung. Wir sollten zu seinem Geburtstag nach Ziegenort kommen. Ein gutes halbes Dutzend von uns machte sich auf den Weg. Franz begrüsste uns freudig. Einen, der schon Anwesenden, stellte er mir mit den Worten vor : "Das ist der, der die letzten vier Messerschmidtbomber nach England geflogen hat." Ich, der kaum etwas über Flugzeuge wusste, muss blöd aus der Wäsche geguckt haben. Mein Gegenüber verwickelte mich in ein Fachgespräch. Ich konnte dem nicht folgen. Franz högte sich. Er hatte mir den Dorftrottel, der nichts wusste, als alles über Flugzeuge, auf den Hals gehetzt. Unser II. zu mir :"Gleich und Gleich gesellt sich gern." Was soll´s ? Den meisten Trotteln sieht man es nicht an.
Es wurde ein gelungenes Fest. Es gab mehr als genug zu essen. Franz, der Seemann hatte  nebenbei eine kleine Landwirtschaft. Kuchen mit so viel Sahne hatte ich schon lange nicht mehr gesehen. Abends gab es Wruken (Steckrüben) mit Bergen von Schweinefleisch. Die Esserei wurde, kriegsbedingt, neben dem Suff, immer wichtiger.
Pferdeschlachter Pupke rückte ohne Lebensmittelmarken nichts mehr raus. Die Pferde, die man den Polen vorm Pflug weg klaute, wurden weniger. Man sang zur Melodie von "Lilli Marleen" : Alle Leute soll´n es seh´n, wenn wir bei Pupke Schlange steh´n...!
Wäre die Aussage vom Heuerbaas doch bloss wahr gewesen. Wie schön müsste es jetzt auf einem Lebensmitteltransporter sein.

"Müssiggangster"
Rudi, der Steward, machte eines Abends in seinem Reich, der Pantry, ein Fass auf. Kein Bier, sondern ein Fass mit Salzheringen. Bei knapper werdenden Lebensmitteln bekamen die, sonst als "Arme - Leute - Essen"gemiedenen "Aussenbordskameraden", ihre Wertschätzung. Die Frage des Wohers stellte man in der Kriegszeit nicht. Hering auf Schwarzbrot und ein Bier dazu, herrlich! Langsam füllte sich die Pantry, die ein Quiddje  Anrichte nennen würde. Wie auf allen Schiffen, standen auch hier Kakerlakenfallen. Die einfachsten bestehen aus einem grossen Glas mit etwas Bier, oder Kaffeepulver darin. Der Rand wird von innen mit Fett bestrichen. Eins der Gläser war schon gut gefüllt mit toten und noch einigen zappelnden Selbstmordkandidaten. Einer konnte das Leiden nicht mehr mit ansehen. Er füllte das Glas mit Bier auf. Der III. aus der Maschine rief :"Wer das aus trinkt, bekommt eine Flasche Cognac!" Karl riss das Glas hoch und hatte es in einem Zug weg gewuppt. Für Cognac tat er alles. Versprochen war versprochen. Her mit der Buddel. In Wahrheit war der Cognac Weinbrandverschnitt. Aber Schnaps war Schnaps, besonders zu der Zeit. Alle freuten sich auf einen ordentlichen Schluck, wussten sie doch, das unser Karl immer großzügig war. Die Flasche wurde vors Licht gehalten, um die schöne Farbe zu bewundern. Das Entsetzen war gross: Kleine Fliegen im "Cognac"! Die Buddel blieb dicht. "Die bringe ich zurück, zum Händler" , meinte der Spender. Davon wurde er aber wohlweislich abgehalten und es wurde gebeichtet, dass man den Schnaps schon längst aus gesoffen hatte, und mit kaltem Kaffee waren die Fliegen mit hinein gerutscht.

Im Hydrierwerk war Heinz Gildehaus, ein Ingenieur aus Bremerhaven beschäftigt. Er hatte sein Segelboot von Zuhause kommen lassen, und benötigte eine seemännische Hand zum Auftakeln. Von einem hohen Metallgerüst am Wasserrand aus - heute weiss ich, dass es eine Rohrleitungsbrücke des Hydrierwerks war - half ich beim Aufrichten des Mastes. Das Aufriggen war dann schnell getan. Wir machten herrliche Törns auf der Oder und im Haff. Ich lernte Ziegenort von der Wasserseite her kennen. Ziegenort lag schon nicht mehr an der Oder, sondern am Papenwasser. Das Oderdelta war ein wunderschönes Segelrevier, Achterwasser, Kaiserwasser, usw. Bei mir schlich sich aber immer wieder der Gedanke ein - Irgendwo hier muss Baumeister sein -



Gastfreundschaft
Wilma wurde nach anfänglichem Zögern eine begeisterte Seglerin. Doch dann kam sie zur Schullandverschickung. Sie fehlte mir. Ich stromerte allein durch Pölitz. Vor den Kneipen horchte ich, ob ich Karl spielen hörte. Er war immer eine Freibierquelle. Unter seinem Stuhl sammelte sich immer ein Vorrat an gespendeten Bieren. Es reichte auch für uns "Nassauer".
Ich machte auch allein eine Runde durch Stettin, ich traf keine Bekannten, aber im letzten Zug nach Pölitz saß "Knalloog". Aufwachen in Ziegenort, wieder mal Pölitz verpennt. "Warum hast du mich nicht geweckt?" "Hab´ selbst verpennt."Das bedeutete, wieder mal maschieren. "Nee", sagte Knalloog, "Komm´mit." Auf Franz´Geburtstag hatte er zarte Bande geknüpft. Er wurde bereits erwartet. Es wurde ein Berg kalter Plinsen verputzt. Wir übernachteten dort. Als ich aufstand, saß Knalloog schon vor einer Pfanne voll Spiegeleier. Ich glaubte, nicht richtig zu hören: "Lass´ ihn auch mal," nuschelte er mit vollem Mund. "Ihm hat ja schon," kam´s von der Hausfrau. Ich hätte vor Scham im Boden versinken mögen. Ich hatte ja gar nicht gewollt, aber war mein Widerstand war auch nicht sehr groß. Knalloog verzog keine Miene. Er war damit beschäftigt, mit einem Stück Brot, die letzten Reste aus der Pfanne zu wischen. Jetzt war ich dran, mit einer Pfanne Spiegeleier.
Es war die älteste Dame meiner erotischen Laufbahn. Pommern sind eben sehr gastfreundlich.
Kurze Zeit später, wurde Knalloog bei der Arbeit vermisst.. Damit er nicht zu viel Ärger bekäme, gab ich einen Hinweis auf seinen eventuellen Aufenthaltsort. Ich glaubte, ihm Gutes zu erweisen. aber nachdem sie ihn gefunden hatten, wurde er in die Heimat abgeschoben. Später schämte ich mich. Ich hatte ihn völlig naiv verraten. Wer weiss, ob er den Krieg in Ziegenort nicht besser überstanden hätte. Ich hörte nichts mehr von ihm. Nach diesem Ereignis mied ich Ziegenort.

Unser Alltag war ein Leben mitten drin, und doch so fern vom grossen Weltgeschehen. Aus dem Lautsprecher kam täglich der Wehrmachtsbericht, monoton langsam, wie zum Mitschreiben. Man hörte nicht mehr hin. Zeitungen gab es auch nicht an Bord. Keiner vermisste sie. Ich kaufte mir manchmal eine in Pölitz, die "Berliner Illustrierte", aber hauptsächlich wegen der Witze auf der Rückseite.
Im Salon gab es eine Bücherei mit vorwiegend englischer Literatur. Die "Bremerhaven" war ja ein alter Engländer. Interessanter, besonders für unseren Musikus Karl, war die Plattensammlung. Wenn der Salon leer war, er war nur für die höheren Range, nutzten wir die Gelegenheit, und dudelten die alten Schwarten ab. Karl schrieb eifrig Noten mit. "Pi Ka Ku Ke, composer unknown, eine hawaiianische Weise". Er meinte, es sei ein altes deutsches Volkslied, ich war für eine italienische Weise. Ich glaubte, es war "Santa Lucia". Konnte es ihm aber, unmusikalisch, wie ich war, nicht vermitteln. Ich dachte an Maria.


Entsetzen
Eines Tages tat sich an Land etwas. Zimmerleute bauten irgend etwas auf. Wir waren neugierig. Zuerst liess sich noch nichts erkennen. Doch dann dämmerte es uns. Unter einem der Handkräne mit seinem Haken, entstand ein Gerüst mit einer Bodenplatte. In ihr war eine Klappe. "Verdammt, das ist ein Galgen!" An einem Sonntag, weil dann alle Inhaftierten an Bord waren, schleppten die SS - Leute einen Polen heran. Es wurde etwas auf Polnisch verlesen, wahrscheinlich das Urteil.
Unsere ganze Mannschaft, vom Kapitän abwärts, stand an Deck und an den Bullaugen, um sich das schreckliche Schauspiel anzusehen. Was geht in Menschen vor. Ich bereue es heute noch. Was kam, war grausam. Nach der Urteilsverlesung mussten zwei Polen ihren, an den Füssen gefesselten Landsmann aufs Gerüst schleppen. Die SS - Leute machten sich ihre Finger nicht schmutzig. Die Augen wurden verbunden, die Schlinge um den Hals gelegt. Wir, mit Tauen vertraut, glaubten unseren Augen nicht. Der Tampen war, für das Gewicht, eindeutig zu schwach, vor allen Dingen auch wegen seiner langen Lose. Die Henker hatten noch nicht viel Erfahrung, was sich bekannterweise schnell änderte.
Die Klappe fiel, und der Tampen riss. Der arme Kerl fand sich im Balkengewirr des Galgens wieder. Er lebte noch. Die SS - Leute zehrten ihn aus dem Gerüst, und schleppten ihn wieder nach oben. Sollte es nicht genug sein? Im Mittelalter soll das anders gewesen sein. Weil man dem Seil nicht mehr traute, kurbelte man den Polen jetzt mit dem Handkran himmelwärts. Es ist eine langsame und grausame Art, so zu sterben. An Bord wurden die Luken geöffnet. Alle Polen mussten, wohl zur Abschreckung, an ihrem toten Kameraden vorbei marschieren. Was immer das Verbrechen des Gehängten gewesen war, wir erfuhren es nicht. Es hiess, er habe mit einer Taschenlampe feindlichen Fliegern Signale gegeben. Wir glaubten das nicht, eher schon, wir hörten es öfter, war es die Liebe  zu einer Deutschen, und das bedeutete Todesstrafe.
Ich hatte aus einem Bullauge, heimlich mit meiner Box, ein Foto von dem dem schrecklichen Tun gemacht. Ich glaubte, dass es wichtig wäre. Das Bild schickte ich vorsichtshalber zu meinen Großeltern nach Bremerhaven. Sie haben es leider aus Angst sofort vernichtet.
Abends spielte die Polenkapelle das alte polnische Kampflied :"Noch ist Polen nicht verloren!" Und :"Lilli Marleen". Uns schmeckte kein Bier. Bald wurde ein weiterer Pole gehängt. Keiner schaute mehr zu.
Pölitz war nach diesen Ereignissen nicht mehr das alte Pölitz. Wir wurden von wildfremden Leuten angesprochen, und mit den Vorkommnissen in Verbindung gebracht. Ich sprach oft mit Wilma, verschwieg aber, dass ich zu geschaut hatte.

Krieg mit Russland
Rudi, unser Steward, erwartete Besuch. Seine Frau mit Tochter wollte aus Bremerhaven kommen. Rudi mietete in Messenthin, bei Stettin, eines der dortigen schönen Sommerhäuser. Sie standen meist leer. Der Bedarf an Sommerfrische war gering. Die Männer trieben sich in der Welt herum. Rudi wollte vorsorgen. Lebensmittel, doch vorwiegend geistige Getränke mussten per Bahn nach Messenthin geschafft werden. Ich sollte schleppen helfen. Bis nach Pölitz stellte sich unser Transportsoldat zur Verfügung, natürlich gegen Bezahlung. Er nahm Zigaretten oder Schnaps. Geld nahm er nicht, das wäre, seiner Meinung nach, Bestechung.
In Pölitz sollten, für den Hausstand, noch Eierbecher gekauft werden. Im Kaufhaus, Rudi war sehr anfällig, gab es reizende Verkäuferinnen. Rudi war auch ein zu schöner Mann. Schwarze Haare, Mittelscheitel mit viel Pomade, eine sehr gepflegte Erscheinung. An Bord nannte man ihn "Parfumbubi." Rudi wollte erst einmal die Eierbecher, passend, mit Eierlikör, aus unserem Bestand testen. Er liess seinen Charme spielen, und die Damen zierten sich nicht lange. Etliche Flaschen Schnaps erlebten Messenthin nicht mehr. Der Ladenbesitzer kam aus der Mittagspause, und beteiligte sich nur zu gerne, Kunden blieben länger. Es wurde lustig. Die Fahrt nach Messenthin wurde aufgeschoben.Auch der Besuch von Rudis Familie wurde verschoben. Das Kriegsgeschrei verhinderte die Reise. "Stalin, ein Freund des Führers, überfiel Deutschland im tiefsten Frieden!" hiess es. Hatte Stalin uns nicht in Murmansk mit der "Bremen", und vielen anderen Schiffen Unterschlupf gewährt? "Aber so sind die Russen." Erst überfallen sie Finnland, und jetzt das deutsche Reich. Das war die allgemeine Meinung. Sogar die Polen an Bord waren sich mit den Deutschen einig. Mit den Russen hatten sie in ihrer Geschichte auch keine guten Erfahrungen gemacht. Dass Deutschland den Krieg begonnen hatte, wurde verschwiegen.
In Pölitz änderte sich dadurch nichts. Hans hatte seine Aalreuse in Arbeit, Bruno schnitzte, Karl soff und musizierte, ich holte jeden Morgen Milch, und die Polen saßen, wie immer sonntags, im Gras und frönten ihrer Leidenschaft: Stiefel putzen. Darauf verwendeten sie viel Zeit. Polnischen Stiefel waren das schönste, weichste Schuhwerk, das es gab.
Im täglichen Wehrmachtsbericht hörten wir :" Die Russen haben sich verrechnet. Die deutsche Wehrmacht schlägt zurück. Bald herrscht wieder Ruhe. Leningrad ist belagert, und Moskau ist in Sicht. Wir treffen uns auf dem roten Platz."

    Deutsche Panzer auf dem Vormarsch in Russland


Auf Wiedersehen, mein Pölitz
Das Baltikum war befreit. Die alte Linienfahrt vom "Seedinst Ostpreussen", Stettin - Lettland - Finnland , sollte wieder neu eingerichtet werden. Sollten die Baltendeutschen, die wir 1939 " heim ins Reich" geholt hatten, wieder zurück gesiedelt werden??? Schiffe mussten her. Die ehemaligen Schiffe vom Seedienst waren zu Beginn des Krieges der Kriegsmarine unterstellt worden. 


Die M.S. Tannenberg vom Ostpreussischen Seedienst (Aus: Danzig u. seine Ostseebäder)

Die Bananenfahrt wartete noch immer auf den Endsieg. Ständiger Termin: nächste Weihnachten! Die Bananendampfer waren, wegen ihrer Klimaanlagen auch gut für Menschenfracht geeignet, und das Horten von Seemännern machte sich jetzt auch bezahlt.
Hans Neuss, unser II. Ingenieur sollte in Danzig auf dem Dampfer "Brake", auch ein Schiff der Unionreederei, einsteigen. Ein Matrose sollte mit. Ich war mit Hans befreundet, obwohl es nicht gerne gesehen wurde, dass höhere und niedere Ränge enger mit einander verkehrten. Er fragte mich :"Willst du mit?" Ich freute mich, von diesem Lotterleben in der Provinz, befreit zu werden. So wurde ich zum Vollmatrosen befördert. Beim Llyod dürfte ich jetzt drei Streifen am Kragen tragen. Hier liefen wir ja nur immer in selbst genähten Takelbuxen herum, Segeltuch wurde gestellt. Die, für die Beförderung notwendige Fahrzeit auf einem Segelschiff wurde bis zum Endsieg zurück gestellt.
Wie sage ich es meiner Wilma? "Danzig ist nicht weit. Ich komme öfter mal rüber. Ich schreibe oft." Ein schwieriges Versprechen. Wir wussten beide, dass es zu Ende war.



Montag, 15. Juni 2015

ZUGFAHRT MIT KARL UND QUETSCHE

In meiner Karriere war ich jetzt zum Leichtmatrosen aufgestiegen; noch zu leicht für einen Vollmatrosen, der so hiess, weil er meistens voll war, und deshalb nicht für voll genommen wurde. Das waren "Schnacks", die man immer wieder hörte.  
Meine Anwesenheit in Bremerhaven blieb dem Heuerbaas nicht lange verborgen. Ich nannte meine Heimatstadt immer noch "Bremerhaven", obwohl sie 1939 in das hannoversche Wesermünde eingegliedert worden war, und ihren Namen verloren hatte. "Wesermünde" wollte mir nicht über die Lippen. Nach Kriegsende bekam sie zum Glück ihren Namen zurück.
Seeleute waren knapp geworden. Viele trugen jetzt die Mütze mit den goldenen Lettern: "Kriegsmarine". Ich wurde wieder mal, ohne zu wissen :"Wie, was, warum?" gemustert. Ich fühlte mich, als würde ich "shangheit". Der Heuerbaas:"Das Schiff liegt in Stettin und soll als Lebensmittelfrachter nach Schweden fahren." Hörte sich möglich an, entsprach aber nicht der Wahrheit. Es war die "Bremerhaven", ein alter Bananendampfer der "United Fruit Companie", ein so genannter Gurkendampfer. Er gehörte zur Union - Reederei und fuhr vor dem Krieg die Strecke Bremerhaven - Santa Martha. Bananen waren nicht kriegswichtig.
"Morgen früh, sieben Uhr am Hauptbahnhof!" Er kaufte persönlich unsere Fahrkarten. Aus Erfahrung wusste er, dass die Seeleute, sobald sie Geld in den Händen hatten, es sofort in die Kneipe trugen. "Alles muss man selbst machen" auch die Überwachung der Verschiffung seiner "Schäfchen" bzw. "Böckchen", per Reichsbahn nach Stettin. Bezahlt wurde man erst nachAnkunft.

Wir waren zu fünft. Einer reiste mit leichtem Gepäck, einem Hebammenkoffer und einem Behältnis, das auf eine Quetschkommode schliessen liess. Der Besitzer, Karl Wolle sah aus, als hätte er in der kräftig Abschied gefeiert und dann irgendwo den Rest der Nacht hinter einem Busch geschlafen. Karl hatte Nachdurst. Er belatscherte den Heuerbaas:" Gib mal einen aus." "Der Zug fährt gleich." Karl:" Guck´ auf die Uhr." Der Baas:" Gut, ihr bleibt hier." Damit waren wir Anderen gemeint. Karl:" Nichts da, die haben auch Durst." Alle rein in den Wartesaal, halbe Liter bestellen. Karl holte seine Quetsche raus. Er begann zu spielen, im Saal gab es ein grosses Hallo. Der Heuerbaas begann zu schwitzen:" Ihr verpasst den Zug!" Karl überredete ihn noch zu einem Bier, zum Mitnehmen. Der Baas spielte für Karl den Gepäckträger. Geld gab es nur für gelieferte menschliche Ware. Bis Bremen holte Karl Schlaf nach. Als wir in Osterholz - Scharmbeck hielten, murmelte er im Halbschlaf :"Oh, der Holzschandarm ist weg." Es war Karls Heimatdorf. Ab Bremen führte der Zug einen Speisewagen mit. Ein Umstand, der Karl munter werden liess. "Wir trinken erst mal ein Bier." Wir machten einen Zug, nicht durch die Gemeinde, sondern durch den Zug, Karl voran mit Musike. Er hatte das Richtige auf dem Kasten: "Auf dem Dach der Welt, da steht ein Storchennest", "Stern von Rio" und vieles mehr. Volksbelustigung im Krieg. Im Speisewagen lief Karl zur Höchstform auf. Es ging schließlich um Bier. Die Volksgenossen applaudierten und spendierten Getränke. Karls Talent würde uns noch zu manch einem lustigen Abend verhelfen. Bis Berlin hatten wir viel Spass. Dort mussten wir umsteigen. Wir fuhren mitsamt dem Gepäck mit der Strassenbahn zum Stettiner Bahnhof ( Nordbahnhof).Das war erforderlich, weil Berlin nur Kopfbahnhöfe hatte.
Am späten Nachmittag kamen wir in Stettin an. Karl, seine Führungsrolle hatte sich schon gefestigt, gab die Richtung vor :"Ein Schiff liegt immer im Hafen!" Und :"Gepäck am Bahnhof lassen!" So trotteten wir in Richtung Hafen mit der historischen "Hakenterrasse". Solch einen Hafen hatte ich noch nirgendwo gesehen.

    Blick auf die Hakenterrasse


Von unserem Schiff, der "Bremerhaven" keine Spur. Scharfsinnig stellte Karl fest :"Jedes Schiff hat eine Mannschaft, und jede Mannschaft hat eine Stammkneipe. Unsere Suche bescherte uns einige Biere, aber keinen Hinweis auf unser Schiff. In irgend einem Hafenamt konnte man uns schliesslich helfen.

    Stettin Hafen

Die "Bremerhaven" lag in Pölitz, ca. 20 km von Stettin entfernt. Die Fahrkarten mussten wir aus eigener Tasche bezahlen. Wir schworen :"Das holen wir uns wieder."

Sonntag, 7. Juni 2015

MEIN GLÜCK: KEIN KRIEGSDIENST

Doch dann war leider Schluss damit. Wir nahmen Kurs auf Kiel. Ziel war die Tirpitzmole auf der Marinebasis. Dort lagen die "Gorch Fock", das Ausbildungssegelschiff der Marine, und die "Ubena", als Wohnschiff für die Kadetten. Sie mussten jetzt ohne Fahrt und Seegang in die Masten. Ich sah mit Schaudern hoch. Mir wurde schon von unten ganz blümerant. Dort würde ich auch irgend wann mal hoch müssen.
Ich besuchte meinen Vater, der inzwischen bei der 7. U - Bootflottille gelandet war.
Was mit den Unitasbooten geschehen sollte, ging wieder erst mal nur als Gerücht um. Sie sollten für die U - Bootjagd umgerüstet werden. Nicht viel Unterschied, früher Wale jagen, jetzt U - Boote. Ein erster Marinesoldat zog in eine der, von den Lotsen geräumten, Kammern. Es war, ich bin mir nicht ganz sicher, ein Stabsobergefreiter, ein Reservist älteren Kalibers, der schon am Orlog 1914 - 1918 teilnehmen durfte. Er war ein so genannter Signalgast. Er beherrschte das Flaggenalphabet zur Kommunikation mit anderen
Schiffen. Es hiess, wenn ein Obergefreiter nicht weiter befördert werden konnte, verpasste man ihm noch einen Stern und er wurde "Stabs", Obermatrose.
Der arme Kerl wurde mit Fragen über die Marine gelöchert. Von unserer Besatzung hatte keiner eine militärische Ausbildung. Aber jetzt kam der Befehl: "Antreten zur Einkleidung!" Der Kapitän, der Chief, Theo Naloch und der Koch waren zu alt, um eingezogen zu werden. Ich war zu jung. Zu der Zeit nahm man noch Rücksicht auf das Alter.
An Paul, unserem Koch, hatten wir noch etwas gut zu machen. Ihn hatte ein unschönes Ereignis schwer in seiner Kochsehre getroffen.
In der Fischerei waren Pinseln und Farbe waschen Zeitverschwendung. Man war rund um die Uhr im Einsatz. Dem entsprechend sahen die Kombüsenwände aus. So auch bei uns. Für Paul wars die Hauptsache, dass Pötte und Pannen sauber waren. Unsere bösen Buben verzierten einen Kohlkopf und einer verfasste ein Gedicht:
        Ein Kohlkopf, von Staub ganz braun,
        wurde eines Nachts zum Clown.
        Künstlerhände,
        bemalten Kombüsenwände.
Paul war schwer beleidigt gewesen. Wir wollten uns zum Abschied entschuldigen. Bertie wusste Rat:
 "Paul bekommt auch einen Orden." Wieder musste eine Blechdose herhalten. Der Orden wurde schön bemalt, und mit einem Hakenkreuz versehen. Mit einer Flasche Schnaps als Beigabe, erfolgte die feierliche Übergabe. Paul war gerührt, ob vom Orden oder vom Schnaps, war egal. "Das bleibt in meiner Errinnerung, aber das Hakenkreuz ist verkehrt herum." Bertie, als alter Kommunist, kannte wohl nicht viel von Hakenkreuzen.  Doch auch hier wusste er Rat. "Stell´ dich vor den Spiegel, dann stimmt´s.

Die Neugier, was käme, war groß. Der Signalgast wusste auch nicht mehr. U - Boote hatte er auch noch nicht erlebt. An der Mole, in ganz Kiel wimmelte es von "Marine". Unseren wilden, verlotterten Haufen dazwischen, auf dem Weg zur Einkleidung, zu sehen, war göttlich. Schwer bepackt, mit Seesack, kamen sie zurück. Alles gab es in doppelter Auführung. Strümpfe, Unterwäsche, es fehlte nichts. Stahlhelm und Gasmaske baumelten am Seesack. Ein "Kulani", der Rock eines echten "Seelords", war das Prunkstück. "Kulani" war der Name eines alten Kieler Schneiders, der den Mantel für die kaiserliche Marine entworfen hatte. Der Reichtum an Klamotten war für unsere Fischersleute neu. Man denke nur an die Gemeinschaftshose von Hein und Willy. Blau - weiss karierte Bettwäsche für alle, sollte den Kojen militärische Einheit verpassen.
Ein Landgang wurde geplant, fein heraus geputzt. Wie würde die holde Kieler Weiblichkeit staunen! Der Reservist stellte seine Kenntnisse von einer ordnungsgemässen Marineuniform in den Dienst der guten Sache. Wo wird der Stern, wo dies, wo jenes, angenäht? Rechter Ärmel? Linker Ärmel? Der Adler, dieses oft gerupfte Vieh, saß schon an richtiger Stelle. Spannend war das Binden des Knotens. Er war komplizierter, als ein Netzsteertknoten. "Mit Gott" auf dem Koppelschloss, löste gemischte Gefühle aus. Bertie,  empfand das, als abartig. "Wenn das der Führer wüsste!"
Fred Wagner, unser "Intellektueller", stand in seiner neuen Montur an Deck, am Niedergang. Oben auf der Pier ging ein Offizier vorbei. Fred glaubte, grüssen zu müssen. Der Offizier schüttelte verständnislos den Kopf. Fred sauste mit rotem Kopf den Niedergang runter. Der Reservist, selbst ernannter Ausbilder für unseren wilden Haufen, klärte ihn auf :"Ohne Mütze grüsst man nicht mit der Hand am Kopf."
Bertie, der Uraltkommunist aus Barmbeck meinte :"Ich bin ja so stolz auf meine Uniform, und darauf, meinem Führer dienen zu dürfen. Allgemeine Feststellung :"Schön ist das Soldatenleben. Wir machen Landgang!"
Die lange Tirpitzmole und das belebte Kasernengelände wurden zum Grussproblem. Anscheinend mussten nicht nur die mit den "Kolbenringen" am Arm, sondern auch einige untere Dienstgrade gegrüsst werden. Wenn es unterblieb, gab es einen Anpfiff. Das hätten sich die Fischdampferleute früher nicht gefallen lassen. Uniform diszipliniert. Um nicht zu sehr aufzufallen, grüssten unsere "Neumariner" alles, was Blau trug, was bei den falsch zu Ehre Gekommenen, Verblüffung auslöste. Am Ausgang fiel dem Wachhabenden beim Anblick der Truppe die Kinnlade herunter. So etwas war ihm noch nicht begegnet. Es war nichts Weltbewegendes, es fehlten nur die "kriegswichtigen" Spanndrähte in den Mützen. "Zurück, marsch, marsch!"
Befehle in dieser Form waren unsere Fischersleute nicht gewohnt. Aber es nützte nichte, zurück an Bord. Wo waren nur die verflixten Drähte geblieben? Bertie wusste Rat. Schweissdrähte eigneten sich als Ersatz. Sie hatten sogar eine noch höhere Spannkraft. Anderntags erfuhr ich, dass auch der zweite Anlauf gescheitert war. Es fehlten die Urlaubsscheine. Keiner an Bord fühlte sich ermächtigt, diese auszustellen.

Ich schlief bis zu meiner Abmusterung bei meinen Eltern. Vater war auch jeden Tag da. Er sprach nicht viel über seine Arbeit. "Psst, Feind hört mit." Das holte er später nach. Er erzählte dann oft von seinen Erlebnissen mit U-Bootkommandant Prien. Er war mit ihm zusammen in Saint - Nazaire gewesen. Zum Beispiel die Geschichte, als die Meldung kam, dass ein U-Boot in der Bucht von Scapa Flow das Schlachtschiff "Royal Oak" versenkt hatte. Da meinte Vater in der Messe :"Das war Prien." Diese Äusserung genügte, um zum Rapport zu müssen. "Woher wissen sie das?"
"Ganz einfach, ich sah Prien beim Studium der entsprechenden Karten." Es ging gut aus, es war keine Spionage und wohl kein Geheimnisbruch.

Meine Zeit in Kiel war schnell zu Ende, und ich landete wieder am Ausgangspunkt meiner Seefahrtzeit, in Bremerhaven.
Von keinem der Boote, von keinem Besatzungsmitglied habe ich je wieder etwas gehört.
"Unitas II.", Ade!

AN DER MINENSPERRE IM KLEINEN BELT

Als wir Hamburg im Frühjahr 1940 verliessen, wusste ich noch nicht, dass ich die Stadt, so, nie wieder sehen würde. Für mich, als Fünfzehnjährigen, war die Welt noch in Ordnung.
Dieses Mal kannten wir unser neues Ziel: Flensburg. Über unsere neue Aufgabe wurde weiter gerätselt. Kiel - Kanal, wie oft noch?Wir lagen im Hafen mitten in der Stadt und harrten der Dinge, die da kommen sollten. Noch einmal wurde Freilager empfangen. Flensburg = Bommerlunder. Es sollte das letzte Mal sein. Nach der nächsten Fahrt würden wir, wegen des Kriegs, heimische Gewässer nicht mehr verlassen. Besuch kam an Bord, hochrangige Militärs von der Marine und vom Heer. Generatoren wurden an Bord gesetzt. Überall waren Kabel verlegt. Wir dampften die Flensburger Förde auf und ab. An Bord war hektisches Treiben. Dauernd wurde irgend etwas am Schiff gemessen, anscheinend mit Erfolg. Es gab Sekt für Alle. Für die hohen Herren etwas mehr. Man hatte es geschafft, das Schiff zu entmagnetisieren. Später sah man an allen Metallschiffen die Kabelanlagen zur Abwehr von Magnetminen. Beim Auslaufen hiess dann immer :"MES  (Mineneigenschutz) einschalten." Die Minensuchboote waren aus Holz. Auf sie reagierten die Magnetminen nicht. Doch da es schwierig war, auf der weiten Fläche alle Minen zu finden, mussten alle Metallschiffe geschützt werden. Die Flugzeuge warfen die Minen nachts ab. So wusste man nie, wo sie lagen, und oft gingen sie erst nach mehrmaligem Überfahren hoch. Bei Geräuschminen, die auf Maschinengeräusche reagierten, musste man anders vor gehen. Man versuchte den Biestern beizukommen, mit Hilfe einer Rabatzboje, auch Klabautermann genannt. Sie liefen Aussenbords mit, machten voraus mehr Krach, als die Maschine und brachten so die Minen zum Explodieren. Krieg bedeutet auch immer wissentschaftlichen Fortschritt.

Wenn wir im Hafen lagen, lagen auf der faulen Haut. Paul, unser Fischdampferkoch lief zur Höchstform auf. Schon in Hamburg hatte er uns mit Fisch aller Art verwöhnt. Wo er den, bei dem vielen Eis, her hatte, blieb sein Geheimnis. Er konnte es nicht begreifen, wenn es hiess, es käme zu viel Fisch auf den Tisch. In der Fischerei gab es jeden Tag Fisch. Hier in Flensburg kam er mit Makrelen oder Muscheln vom Einkauf zurück. Beides kannte ich nicht, aber es schmeckte mir, und unseren Fischdampferleuten sowieso.

Müssiggang ist aller Laster Anfang und war das Ende etlicher Flaschen "Bommerlunder". So auch an einem schönen, sonnigen Tag. "Supen mokt Spaß." Wir sassen an Deck und der Alkoholspiegel war schon ordentlich hoch. Ich hinkte wegen mangelnder Routine sehr hinterher und nippte erst an meinem dritten Glas. Daher war ich auch der Einzige, der die kommende Situatuon überblickte. Theo Narloch, der auf der Verschanzung saß, ging langsam in Rückenlage. Ich machte einen Hechtsprung, und bekam gerade noch seine Beine zu fassen. Weil die Rehling nicht sehr hoch war, blubberte sein Kopf schon im Wasser der Förde. Es dauerte, bis mir die Anderen zur Hilfe kamen. Am Ufer sammelten sich Zuschauer. Einige empörten sich, andere waren belustigt und klatschten Beifall. Es wurde nicht mit guten Ratschlägen gespart. Mit vereinten Kräften bekamen wir Theo wieder an Bord. Nach der Menge Hafenwasser war Theos, ansonsten so großer Durst, erst einmal gelöscht. Über die Gangway kam die Obrigkeit, in Form zweier Polizisten. "Was ist hier los? Wo ist der Kapitän?" Hein Berlin, besoffen, wie er war, meldete sich: "Dat bünn ick." Sein zweifelhafter Anblick liess die Ordnungsmacht zweifeln. Aber sie fühlten sich auf den Decksplanken der rechtlichen Situation nicht gewachsen. Gefahr schien nicht im Verzuge. "Herr Kapitän, sorgen sie für Ruhe!" Damit zogen sie sich zurück. Hein konnte nicht mal mehr sein "Usus" anbringen. Für uns war er aber jetzt auch noch zum Kapitän aufgestiegen.

Endlich lüftete sich das Geheimnis der Kammern. Nach und nach trudelten fünf Leute ein, alles Lotsen. Das warf natürlich wieder Fragen auf.
Erst einmal waren die Neuen von unserem Bommerlundervorrat überwältigt. Es wurde ein rauschendes Besäufnis. Diesmal machte ich mit. Es endete mit einem elenden Brand. Lange noch drehte sich mir der Magen um, wenn ich nur Bommerlunder oder ähnliche Getränke roch. Wir erfuhren vom Brand und dem Untergang der "Bremen" an der Columbuskaje in Bremerhaven. Ein gewisser Schmidt sollte der Brandstifter gewesen sein. War es der Schmidt, der in der Koje unter mir gelegen hatte? Die Lotsen erzählten uns auch, dass es für uns in den kleinen Belt auf Lotsenstation ginge. Zwischen dem dänischen Festland und der Insel Fünen sollte die Schifffahrt durch die Minensperre gelotst werden. Dort angekommen, gingen wir für 14 Tage vor Anker. Ein Fischkutter diente als Lotsen-versetzboot. Der Kutter mit Heimathafen Lübeck - Schlutrup gehörte Kapitän Wilwater. Er und sein Sohn hatten die Fischerei an den Nagel gehängt.
Der Schiffsverkehr hielt sich in Grenzen. Für uns war es eine Sommerfrische. Baden, Dorsch fangen und viel klönen. Leute abeiten lassen, nur um der Arbeit Willen war zum Glück nicht die Sache unserer Herren.

Dorsch mit einem Blinker zu angeln, war mühsam. Wir erwischten nur kleine Fische. Die Grossen waren wohl zu schlau. Kapitän Wilwater lachte und hatte ein Einsehen mit uns. Er fummelte ein kleines Schleppnetz zurecht, und brachte uns vom Lotseneinsatz oft ein paar ordentliche Dorsche mit. Auch von vorbei kommenden Fischdampfern wurden wir versorgt. Man kannte sich aus Bremerhaven. Geld wurde nie verlangt.
Die Fischersleute aßen am liebsten die Köpfe, Pomuchelsköppe genannt. Sie sagten, es sei das Beste am Fisch. So ein Kopf wurde gespalten und füllte die ganze Pfanne aus. Wir anderen hielten uns an den Rest, gekocht oder gebraten. Einen wahrhaften Segen an Fischen bekamen wir, als das uns ablösende Schiff einmal beim Drehen eine Mine erwischte. So viele und so grosse Fische hatte ich noch nicht gesehen. Zum Glück war ausser den Fischen niemandem etwas passiert.

 Als Moses war ich der Einzige, der in den täglichen Arbeitsablauf eingespannt war. Die Fischdampferleute meinten, dass der Bestmann, wie der Moses bei ihnen genannt wurde, ein weit schlechteres Leben hätte. Er müsse neben seiner Arbeit und der im Fisch auch noch den Kanonenofen im Logis mit Bunkerkohle am Laufen halten, bei schlechtem Wetter kein Vergnügen.
Ich hatte aber genügend Freizeit, auch, um auf blöde Ideen zu kommen. Meine Tabakspfeife musste gereinigt werden. Ich wollte es gründlich, aber ohne viel Arbeit machen. An der Vorkante der Brücke war noch das Ventil für den Druckluftschlauch, mit dem die Wale, um sie an der Wasseroberfläche zu halten, aufgepumpt worden waren. Mit Druckluft durch gepustet, wäre meine Pfeife schnell picobello sauber. Ich hielt das Mundstück vors Ventil, und öffnete es. Schneller, als ich gucken konnte, sauste meine halbe Pfeife im hohen bogen durch die Luft, und verschwand im Belt, wo sie wohl noch heute liegt.
Unser Kapitän hatte als Assistenten einen Schwaben. Als er mal mit seinem Glas den  Strand von Fünen beobachtete, meinte er: "Schöne Metschen." Wir starrten ihn verwundert an. Metschen sind in Norddeutschland Regenwürmer. Er aber meinte schöne Mädchen. Unsere Fischersleute sprachen meistens Plattdeutsch, besonders gerne in Gegenwart unseres Schwaben. Er versuchte es auch immer wieder. Dabei kamen dann solche lustigen Missverständnisse zustande.
Ich dachte in meiner jugendlichen Unbedarftheit wie schon so oft, Krieg sei doch gar nicht so schlimm. Aber es kam immer öfter über die Lautsprecher die Sondermeldungsfanfare. Da hatte wieder irgend ein U-Bootheld zig Bruttoregistertonnen Schiffsraum versenkt. Unsere gute Stimmung ließ langsam nach. Es waren nicht nur Kameraden ums Leben gekommen. Für uns Seeleute hatte auch jedes Schiff, und wars der älteste Pott, eine Seele. Sie wurden nur selten abgewrackt. Das einzig richtige Ende war absaufen. Zum Abschied läutete dann bei Lloyds - London die Glocke.

So pendelten wir zwischen kleinem Belt und Flensburg. Dann, nach ein paar Ruhetagen, ging es zur Ablösung in eine andere Minensperre, nach Warnemünde - Gedser. Die Minensperre lag in der engsten Stelle der Ostsee, der Kadetrinne. Dort herrschte  erheblicher Schiffsverkehr. Die Lotsen waren Tag und Nacht im Einsatz. Wir verbrachten unsere Freizeit in der Hafenkneipe. Unsere Skatexperten waren wieder am Werk. Ich, als Moses bekam meinen Teil ab, und Hein Berlin fiel wieder als Intellektueller auf. So war es bei uns "Usus". Die Zeit wurde ausgefüllt mit Erzählungen der alten Fahrensleute.
       Die lustigsten Geschichten hatte Bertie Brammann von der Afrikafahrt. Es war alles, beschwor er, immer die reine Wahrheit. Angeblich hätte er alle Geschlechtskrankheiten, auch so seltene, wie "Bubo", überstanden. Er sei jetzt immun. Sich zu schützen, wäre für ihn nicht mehr nötig. Gegen die afrikanischen Biester helfe sowieso kein Gummi, nicht mal in Fahrradschlauchstärke.
      Eins seiner Döntjes ist mir noch in Erinnerung geblieben: Bei 50°C standen die Heizer nackt, nur mit einer Lederschürze bekleidet, vor den Feuern. Manchmal wollten Gäste die Maschine und den Heizraum besichtigen. Das war die Aufgabe des Chiefs. In weisser Tropenuniform übernahm er die Führung. "Achtung, der Chief kommt!" Die Feuertüren wurden aufgerissen, und es wurde eifrig mit den Krücken - den Schürhaken der Heizer - das Feuer geschürt. Es wurde hell und noch heisser. Nicht nur die Hitze, auch die Heizerrücken mit Anhang, trieben zumindest den Damen den Schweiss auf die Stirn. "Bammann, ihr seid Schweine!" Der Chief war empört. Dass er während dessen, von hinten, mit kleinen Kohlestückchen beworfen worden war, und aussah wie ein Dalmatiner, wurde ihm erst bewusst, als man ihn an Deck, unter Gelächter, darauf aufmerksam machte
Zwischen unserem Chief und Bertie bestand trotzdem ein freundliches Miteinander. "Fünfzig Mal Suez bei 50°C, das schweisst zusammen." Auf Wache erlaubte sich Bertie oftmals Spässchen. Er schoss polternd aus dem Maschinenraum hoch und hielt horchend eine Hand ans Ohr. Der Chief, der immer Angst um seine Maschine hatte, schreckte aus seinem Nickerchen, auf der Twistkiste, hoch. "Hören sie was, Brammann?" "Nein," antwortete Bertie lakonisch und verschwand wieder nach unten. Er konnte nie an Schlaf denken. Der Chief kam alle Nase lang in den Heizraum, um den Dampfdruck, auf dem  Manometer, zu kontrollieren. Bertie lieh sich meinen Knipskasten. Er hatte sich schon wieder etwas ausgedacht. Aus einer Blechdose schnitt er einen Orden, ein eisernes Kreuz. Das heftete er seinem, auf der Twistkiste schlafenden, Chief an die Brust, und knipste  den so Ausgezeichneten. Als der es merkte, hiess es nur :"Brammann, was soll das?" Ärger gab es für seinen Afrikakollegen nicht. Das Foto war wegen der schlechten Lichtverhältnisse in der Maschine ziemlich dunkel geraten, machte aber noch eine Zeit  lang, ohne dass der Chief es wusste, die Runde auf dem Schiff.
     Während unseres nur achttägigen Aufenthalts in Warnemünde gab es einen Zusatzauftrag. Die "Unitas IX." war überfällig. Auslaufen, zum Suchen. Kein Boot hatte eine Funkausrüstung. Die "Unitas IX." war kein Boot unserer Klasse. Es war ein alter Norweger und hatte als Übungsboot für die deutschen Harpuniere dienen sollen. Denen fehlte aber noch so viel Übung, dass das Boot zum Einsammeln der getöteten Wale eingesetzt worden war.. Jetzt war die IX. verschwunden. Wo, in der nicht so kleinen Ostsee, sollte man suchen? Vielleicht war sie auch versenkt worden. Bald stellte sich heraus, dass sie, anstatt nach Warnemünde, nach Flensburg gedampft war.

Mir hat die Art von Seefahrt auf der "Unitas II." gefallen. Ich stand oft am Ruder. Die Matrosen liessen sich, besonders Nachts, gerne ablösen. Nur das schwache Kompasslicht vor mir, fuhr ich in eine scheinbare Unendlichkeit. Oft waren der Mond und die Sterne stille Begleiter. Im Gegensatz zu den grossen Pötten, spürte ich unseren kleinen Kahn mit jeder Faser des Körpers, dazu kam die Melodie der dreifachen Expansionsmaschine. Am Ruder war ich glücklich und vergass die Zeit.

Sonntag, 24. Mai 2015

EISWINTER IN HAMBURG


Wir hatten unseren Liegeplatz in der Nähe der Kornhausbrücke. Nicht weit davon, an der Brandstwiete war im "Kornhauskeller" unser allabendlicher Ankerplatz. Pflichtgemäß besuchte ich einmal meine Tante Dina in Langenhorn. Onkel Rudolf war nicht da. Er war als Ingenieur bei Hapag Australienfahrer gewesen. Jetzt war er auf der Howaldt - Werft in Kiel untergekommen.
Mehr habe ich damals von Hamburg nicht gesehen. Die Kneipe war gemütlich, der Wirt lustig und die weiblichen Bedienungen sehr entgegen kommend. "Fühl´ mal meinen Puls." Die beste Stelle dafür, schien den Damen zwischen Oberkante Strumpf und Strumpfgürtel zu liegen. "Das darfst nur du", galt für alle guten Gäste. Ich gehörte nicht dazu, war wohl noch zu grün hinter den Ohren.
Ein Bier kostete 15 Pfennig. Für Hamburg preiswert, für uns teuer. Es gab immer wieder
finanzielle Engpässe. Der Freilagertabak und der Schnaps halfen uns aus der Misere. Der Wirt war ein dankbarer Abnehmer. Das Geld, das wir einnahmen, floss umgehend in seine Kasse zurück. Ein Problem wurden nur die Zöllner an der Kornhausbrücke. Sie kannten uns schon und vermuteten bei uns keinen Freilagerschatz, bis sie unseren Matrosen Karl Palluch erwischten. Karl versuchte sich heraus zu reden, dass er den Schnaps für kriegswichtige Zwecke brauchte. Er müsse eine Soldatenfrau trösten. Doch der Zoll liess sich nicht erweichen. Es war doch Krieg! Karls Schnaps war weg und sie hatten uns auf dem Kieker. Mir fiel Italien ein. Dort waren die Zöllner verhandlungsbereiter gewesen.
Eine der Kneipentouren war unserem Karl schlecht bekommen. Es war spät, wir schliefen schon. Plötzlich lautes Schreien. Karl war in den Hafen gefallen. Die Eisschollen waren noch gefährlicher für ihn, als das eisige Wasser. Mit einem Rettungsring an einer Leine zogen wir ihn zur nächsten Leiter an der Kaje. Hein Berlin kletterte hinunter, wickelte ihm das Tau um den Bauch und wir zogen unseren Karl nach oben. Er schrie und bibberte, trotz mehrer Decken und einer ordentlichen Portion Schnaps, noch in der Koje. Irgendwer musste telefoniert haben. Es rollte der ganze kriegsgemäße Apparat an. Die Kaje stand voll mit Feuerwehr, Rettungswagen, Polizei, und irgendwelchen Soldaten, ausgerüstet, wie zum Gefecht, mit Karabiner und Gasmaske.
Von da an, kontrollierte uns auch der Zoll immer genau. Wie so oft im Leben, war es ein Zufall, der unser Problem löste. Ich lernte im "Kornkeller" Fietje kennen. Er war Barkassenführer, konnte aber bei dem Eis nicht arbeiten. Er kannte den Hafen aber besser, als jeder Zöllner. Er übernahm den Schnapstransport und erzielte auch höhere Gewinne, als wir. Fietje wohnte in Altona. Ich besuchte ihn dort. Seine Frau mochte mich nicht. Sie gab mir die Schuld an Fietjes hohem Schnapskonsum. Seine Tochter Anneliese mochte mich um so mehr. Anneliese war reizend, aber noch anziehender war ihre Tätigkeit: Platzanweiserin im Kino! Der "Kornhauskeller" sah mich seltener. Ich verbrachte meine Zeit mit Filme gucken. Anneliese war dabei oft ein lieber Störfaktor. Der Krieg schien in weiter Ferne. Ein gefügeltes Wort war damals :"Geniesse den Krieg, der Frieden wird fürchterlich. Mit dem Tauwetter endete die schöne Zeit in Hamburg. Tschüß, geliebte Anneliese! Ich komme wieder.



Samstag, 16. Mai 2015

EIN WILDER HAUFEN

Deutschland hatte drei Walfangflotten gehabt, "Unitas", "Jan Willem" und die "Rauflotte". Sie hatten seit 1936 in der Anarktis gejagt. Deutschland war auf das Fett, den Tran, angewiesen. Jeweils ein Mutterschiff, auf dem die Wale verarbeitet wurden, wurde von ungefähr zehn Fangbooten begleitet. Die Kapitäne waren alles erfahrene, norwegische Harpunierer. Die jungen, deutschen Walfänger hatten noch keine Erfahrung. Die mit ihnen besetzten Boote konnten nur Zubringerdienste leisten. Der Kriegsbeginn erfreute die Wale. Sie hatten Ruhe vor den Killerflotten, da alle Norweger entlassen wurden.
Der "Blitzkrieg" mit Polen war beendet. Es herrschte Ruhe vor dem Sturm.Die Schiffe und Boote wurden umgerüstet. Wir lagen mit einigen "Unitas"- Booten zur Ausrüstung bei der Nordsee Reederei in  Geestemünde. Die Bauaufsicht hatte ein ehemaliger Walfänger. Bluhm, wegen seiner geringen Grösse Blümchen genannt, erzählte sehr spannend von den sechs Monate dauernden Jagden. Die Wale wurden mit Harpunen an armdicken Seilen beschossen. Diese wurden von großen Winschen gehalten. Die Leine lief über starke Federn, die jeden Ruck des Wals vom Boot fern hielten. Notfalls wurde noch eine Harpune mit Sprengstoff abgeschossen. Die Wale hatten keine Chance. Als letztes kam die Druckluftharpune dran, die den Wal an der Wasseroberfläche hielt. Der Wal bekam ein Fähnchen mit der Nummer des jeweiligen Fängerboots, dann wurde er zum Mutterschiff geschleppt.Jeder war am Fang beteiligt, man verdiente gut. Die Kapitäne und Harpunierer waren sehr wohlhabend.
Für welche Aufgaben sollten die Schiffe jetzt umgebaut werden? Wieder mal wusste keiner was. Wie immer: "Alles geheim, es ist Krieg." Unser Boot, die "Unitas II." war völlig entkernt worden. Noch hatten wir weder Koje, noch Tisch, noch Stuhl. Wir sassen auf Bierkisten. Es gab keine Beschäftigung, kein Putzen, kein Pönen. Das Schiff kam ja gerade frisch aus der Werft. Wir vertrieben uns die Langeweile mit Bier trinken. Dafür, dass wir an Land schliefen und aßen, zu Hause oder im Seemannsheim, bekamen wie Extrageld. Uns ging es gut. Die ersten Matrosen, die eintrudelten, kamen aus der Fischerei. Der Fischfang war sehr reduziert worden. Ich habe nie wieder Menschen gesehen, die fauler waren als Fischersleute, wenn kein Fisch da war. Sonst arbeiteten sie rund um die Uhr, aber ohne Fisch, schien Arbeiten unvorstellbar zu sein. Ihnen und mir gefiel unsere momentane Lage. Beim "Lloyd" hätte ich, beim Bier trinken erwischt, welche an die Backen bekommen. Ich fing auch an, zu rauchen Einer der Matrosen bot mir so überraschend eine Zigarette an, das ich ganz verdattert annahm. Bald kaufte ich mir selbst "Eckstein" , "wo der Hund dran pisst", wie wir immer sagten, oder "Golddollar". Drei Packungen für einen Groschen. Es war der Beginn einer langen Sucht.
Mit meinen alten Schulkameraden hatte ich keinen Kontakt mehr. Mein Kumpel Herbert vom Fischdampfer war stolzer Mariner geworden. Wie kam er wohl bei seinem Getränkekonsum mit dem mageren Sold zurecht. Ich habe ihn nie wieder gesehen. War Mildred, meine "Flamme", wohl noch nach Kreigsbeginn nach Bremerhaven zurück gekommen? Ich schlich öfter um die Kneipe ihrer Eltern herum, Traute mich aber nicht, nach zu fragen. Auch sie habe ich nie wieder gesehen.
Im Schiff tat sich einiges. Jeder verfügbare Raum wurde mit Kammern ausgebaut. Unsere Behausung vor dem Mast bekam Kojen, Bänke und einen Tisch, alles neu. Der Winter 39/40 war ein böser Eiswinter, aber im Schiff verbreitete die Heizung wohlige Wärme. Nur die Brücke hatte keine Heizung. Das wunderte uns bei einem Schiff, das in der Antarktis zu Hause war. Die Mannschaft war vollzählig. Morgens wurden wir freundlich von "Hein, tut mol" geweckt. Hein war Schipper auf einem der kleinen Werftarbeiterboote. Er liebte seine Tute, und machte reichlich Gebrauch davon. Ein Zuruf genügte: "Hein, tut mol!" Tuuut, Tuuut.
Die Freilagerjuden, wie die dort ansässigen Händler genannt wurden, versorgten uns mit den üblichen zollfreien Waren: Mit "Lucky Strike" statt der billigen "Eckstein", gutem holländischem Tabak, "Black Star" in Halbpfundspaketen, und billigem, aber gutem Schnaps. Ein Zeichen, dass es bald los ginge. Alles war noch unter Zollverschluss. Wir sollten die Ware sofort bezahlen und nicht erst wie früher üblich am Ende der Fahrt, wenn Alle ihre Heuer bekommen hatten. Die Händler glaubten wohl nicht an unsere Rückkehr.   Abtretung an die Reederei ging auch nicht. Wir wussten gar nicht, zu welcher wir gehörten, haben es auch nie erfahren. Es war Krieg, alles geheim. "Unitas" gab es nicht mehr und zur Kriegsmarine gehörten wir nicht.
Wir lagen mit fünf ehemaligen "Unitas"- Booten an der Ausrüstungspier der "Nordseewerft. Nach Wochen des süssem Nichtstuns wurde es Ernst. Proviantaufnahme und Auslaufen zur Probefahrt Richtung Helgoland. Am ersten Tag mit warmer Bordküche gab es die berühmte Erbsensuppe, etwas, was es beim Lloyd nie gegeben hatte. Dann     hiess es "Leinen los" und damit begann das Theater. Der Kapitän und der "Erste", beide von Dickschiffen, erwarteten, dass jemand an Land wäre, der die Leinen losschmeissen würde. Hein Berliner kannte es von der Fischerei, dass einer dafür an Land sprang . Man so einfach geht es nicht auf grosser Fahrt, auch nicht mit kleinen Schiffen. Der "Erste": "Berlin, kommen Sie sofort zurück!" Hein hatte Widerworte: "Stüer!"  Das war zuviel. Wie konnte er den "Ersten" zum Steuermann degradieren. "Berlin, das ist hier bei uns nicht Usus.""Hein tut mol" tutete zum Abschied. Die auf der Brücke glaubten jetzt auch noch, wir bekämen Schlepperhilfe für unseren Kahn. Aber nichts da. Es gab noch ein unmögliches Herumgekurve im Hafenbecken und die Fischersleute hatten jeglichen Respekt verloren.  
Kriegsbebingt, war die Mannschaft ein zusammen gewürfelter Haufen. Der Kapitän war ein Hapagfahrer aus Hamburg, der I. Offizier kam vom Lloyd. Wir wurden ein Zweiwachen-Schiff. 6 -12 und 12 - 6 rund um die Uhr. Hein Berliner aus der Fischerei , und der Leichtmatrose Fred Wagner wurden der Kapitänswache zugeteilt. Zur Wache des "Ersten" gehörten Willy Münchmeyer und Karl Palluch, auch beide vom Fisch. Willi und Berliner waren Freunde. Das merkten wir besonders beim Skat. Sie waren ein ein- gespieltes Team und gewannen fast immer. Auf unserer späteren Station in Warnemünde gingen sie immer in die Hafenkneipe zum Bierskat. Das wurde immer, auch für mich fiel was ab, ein billiger Abend.
Hein und Willy hatten in der Fischerei gut verdient, aber zuviel Geld für Kleidung ausgeben, das musste nicht sein. Sie hatten zusammen nur eine der warmen Filzhosen für den Winter. Das gab manchmal Probleme bei der Ablösung am Ruder. Der "Erste" wartete auf seinen Matrosen zum Wachwechsel. Auf solch einem kleinen Schiff lief alles gut durch Zuruf: "Münchmeyer, wollen Sie nicht ablösen?"  "De schall mi ers mol min Büx trüch geben!" Jeder behauptete, es wäre seine Hose. Ich, als Jünster war wieder zum Moses degradiert worden und ging keine Wache, stand aber die meiste Zeitden für irgend jemanden am Ruder. Es war die faulste Besatzung meiner ganzen Seefahrtszeit. Nur ich als Moses hatte ich immer was zu tun. Backen und Banken, wie man das Dienen an Bord nennt. Dazu die Buden sauber halten und der elende, ewige Abwasch.
Der Leichtmatrose Wagner tat sehr vornehm. Er sprach nicht mit Jedem, vor allem nicht mit dem "unghobelten" Schiffsvolk aus der Fischerei. Er war, wie ich auf dem Weg zum Kapitän, hatte aber Abitur.
Der I. Ingenieur kam von Woehrmann, von der Afrikafahrt. Er und der Heizer Bertie Bramman kannten sich von einem gemeinsamen Schiff. Berties Spruch war immer: " Wer dreissig Mal Suez bei 50° C erlebt hat, und auf jeder Wache einen halben Liter Rum schluckt, Tripper und Syphillis überstanden hat, der ist immun gegen alles, auch gegen den Krieg. Nur im Kopf stimmt nicht mehr alles." Seinen Chief, den I. Ing schloss er dabei ein. Der Chief war von Woehrmann grössere Maschinen gewohnt. Dort hatte er seine Leute gehabt. Von unserer kleinen, aber starken Maschine verstand er nicht viel. Er überliess alles dem II. Ing, der aus der Fischerei ähnliche Maschinen kannte. Die Ingenieure von dort, wurden Meister genannt. Sie hatten kleinere Patente, und wurden von den "Grossen" scheel angesehen, aber nur unser Meister beherrschte die Maschine. Ein Beispiel bei einem Wachwechsel: I. Ing :" Ich habe die Pumpe aufnehmen lassen." II. Ing an seinen Heizer:" Mach´ wieder dicht." Theo Narloch kam auch vom Fisch. Sein Name führte zu einem eher unschönen Spitznamen. Er nahm es gelassen. Der Meister und er duzten sich. Theo war auch der Älteste an Bord.
Der "Erste" lauschte immer in die Maschine hinein. "Brammann, hören Sie etwas?" "Nein." So ganz befriedigte ihn das nie. Er drehte auch nie bei "Voll voraus" alles auf: "Brammann, sehen Sie mal nach, wer uns da verfolgt." Brammann:" Feindliche U-Boote". "Brammann, Sie sind ein Trottel." Drehte aber voll auf.
Bertie Brammann kam aus Barmbeck, nicht aus Hamburg. Darauf war er stolz. Er war überzeugter Kommunist gewesen, bis er den Sirenenrufen unseres Führers gefolgt war. Ganz Barmbeck war rot und Teddy Thälmann bezeichnete er als Freund. Er war ledig und sein "Zuhause" war die Kneipe von "Sahling". Er schwärmte von den herrlichen Saalschlachten mit den Nazis, die er dort erlebt hatte.
Seltsamerweise war das ganze gemeine Schiffsvolk ledig. Nur der Koch machte eine Ausnahme. Er war kein Deutscher, wie er immer betonte, sondern Ostfriese. Er war ein Meister in der Zubereitung von Eintöpfen, insbesondere Erbsensuppe. Sein zweites Spezialgebiet waren Fischgerichte. Er schlief achtern beim vornehmen Volk. Sein Kochsmaat vorne bei uns. Nur der Kapitän war ein echter Mitschiffsmann. Wie jeder ordenliche Kapitän der christlichen Seefahrt hatte er seine Bude hinter der Brücke. Mit dem Schiffsmaat waren unsere Kojen alle besetzt. Was mit den anderen Kammern passieren sollte, war immer noch geheim. Sollten wir Spione an irgend welchen Küsten absetzen? Die Fantasie blühte.

Bis vor Helgoland wären die Engländer noch nicht vorgedrungen, dachten wir. Wir sollten uns täuschen. Es war der 18. Dezember. Auf der Weser trieben große Eisschollen. Wir krachten durch sie hindurch. In unserer Kammer waren zwischen uns und dem Eis nur ein paar Zentimeter dicke Stahlplatten. Es rummste ordentlich, ein Höllenlärm. Unser erster Gedanke war: Eine Mine! Es ist doch Krieg. Dazu heulte das neue Boschhorn infernalisch in unserem kleinen Raum. Wir hatten es vorher noch gar nicht zur Kenntnis genommen und die Lautstärke haute uns um. Uns fielen fast die Ohren ab und das Schiff war für alle Zeiten kakerlakenfrei. Das Chaos war komplett. Wir stürzten nach oben. Es war falscher Alarm. Der Lotse drückte mit seinem Bauch auf den Alarmknopf unter dem Brücken-fenster. Der Meister, der Praktiker von der Fischerei, musste ran. Mit Bordmitteln wurde ein Schutzblech gegen dicke Bäuche installiert. Er löste auch das Problem der heizungslosen Brücke. Ein Paar Kupferrohre mit Dampfanschluss wurden rundherum knapp über dem Boden verlegt. Es half gegen die grösste Kälte, brachte aber neue Probleme. Man kam beim Reinigen der Brücke mit dem nassen Feudel andauernd an die glühend heissen Rohre. Das Wasser verdampfte zischend. Es stank fürchterlich und die Scheiben beschlugen. Order vom Kapitän: "Nur noch Trockenreinigung." Kam jemand aus Versehen mit den Schuhen den Rohren einen Augenblick lang zu nahe, hörte man Schmerzensschreie und die Socken qualmten. Wir drehten unsere Runde in der deutschen Bucht. Die See war kabbelig und alles war ruhig. Kein Gedanke an Krieg, als das Boschhorn wieder los brüllte.Hatte da wieder jemand seinen Bauch nicht unter Kontrolle? Es war doch eine Sicherung angebracht worden.
Und warum unser Zickzackkurs? Kampfflugzeuge waren über uns. Erst in Cuxhaven erfuhren wir, dass die Engländer Wilhelmshaven angegriffen hatten und wir in die Luftschlacht über der deutschen Bucht geraten waren. Das hatte uns nicht direkt in Gefahr gebracht, aber in helle Aufregung versetzt. Bei der Kurverei waren zwei unserer Boote zusammen gestossen. Es war aber nicht viel passiert. Nur den Chief des einen konnte man vielleicht als ersten Gefangenen des Krieges bezeichnen. Seine Kammertür hatte sich  verklemmt und er kam nicht raus.Ich hatte nur die Kurverei und die Flugzeuge mit bekommen. Wenn das Krieg war, war er auszuhalten.
Jetzt lagen wir schon wieder untätig an einer Kaje, in Cuxhaven am Lenzkai. Was unsere Bestimmung war, wussten wir noch immer nicht.
 Das Eis hatte uns im Griff. Wir würden wohl hier überwintern müssen.Unser Freilager war gut gefüllt. Schnaps und Zigaretten würden reichen. Böse Zungen behaupteten, wir wären nur bis Helgoland geschippert, um ausserhalb des Hohheitsgebiets die Zollplombe loszuwerden.
Das "Usus" vom "Ersten" ging Hein immer noch nicht aus dem Kopf. Was bedeutete "Usus" ? Unser vornehmer Leichtmatrose, Fred Wagner wusste es:" Usus, lateinisch für gebräuchlich. Es wurde Heins Lieblingswort. Bei allen Gelegenheiten, passend oder nicht, kam von ihm: "Das ist nicht Usus", auch wenn der "Erste"in der Nähe war. Später, in Warnemünde, als Hein und Willy ihr Abzockskat spielten, hörte ein Gast neben mir an der Theke Heins "Usus". Er meinte, dass sei wohl ein Studierter. Hein genoss die hohe Ehre, und hatte einen neuen Spruch: "Ick hebb studeert!"
Dann ging es aber doch los. Die Ablegemanöver klappten jetzt besser. Die Fischdampferleute hatten sich mit ihrer Methode durchgesetzt. Es ging Elbe aufwärts. Wohin, wurde uns immer noch nicht gesagt. Wieder das laute Gerumse der Eisschollen. Es wurden immer mehr. Wir waren Führerboot und kamen nur langsam voran. Unsere Schwesterschiffe in der freien Kiellinie hatten es leichter. Die Boote hatten wegen ihres ursprünglichen Einsatzgebiets in der Antarktis die Eisklasse, den verstärkten Bug. Rechts und links lagen schon mehrere Schiffe, die es nicht weiter geschafft hatten. Spät abends liefen wir in Hamburg ein. Wofür brauchte man hier Walfänger ? Am nächsten Tag wurden wir aufgeklärt. Wir sollten Eisbrecher im Hafen spielen, Versorgungsschiff für die, im Eis fest liegenden Schiffe - Proviant, Bunkeröl, Post. Auch mancher Reedereivertreter nutzte unsere Dienste für Besuche. Arzt- und Zahnarzt- besuche der Mannschaften standen auf dem Programm. Wir gingen nur Tageswache. Doch abends waren wir völlig geschafft. Das Schaukeln bei Seegang hat einen Rythmus, den man ausgleichen kann. Das Eis aber schmeisst das Schiff ruckartig hin und her. Man muss immer irgendwo festen Halt finden. "Mors an Poller".

































ich

Sonntag, 10. Mai 2015

AUF DER "POTSDAM" INS BALTIKUM

In Bremerhaven blieb mir nicht viel Zeit. Es vergingen nur ein paar Tage bis zur nächsten Anmusterung. Die Sache mit dem fehlenden Abmusterungsstempel in meinem Italien- seefahrtsbuch war schnell erledigt.
Das Neue Schiff, auf das ich kam, war der Schnelldampfer "Potsdam". Das Schiff, auf dem mein Weg zum Kapitän mit Sandschleppen begann, und wo ich meinen ersten "Sack", meinen ersten Rausschmiss erlebte. Der Bootsmann von damals war noch an Bord. Das gefiel mir gar nicht.
Auf dem Schiff war Hektik. Wahrscheinlich musste der Lloyd sein Schiffsvolk unbedingt unterbringen, um es nicht an die Konkurenz zu verlieren. Man wusste ja nicht, wie es weiter ginge, hoffte aber, dass bald wieder die ganze Welt für die Seefahrt zur Verfügung stände. Die meisten Stewards, bis auf die alten, bekamen die "Ehre", Soldat zu werden.
Die "Potsdam" war überbelegt. Aus Mangel an Mannschaftsräumen schliefen drei andere Schiffsjungen und ich im Schiffshospital. In dieser etwas abgelegenen Bleibe wurden wir völlig vergessen. Keiner weckte uns, keiner wollte etwas von uns; wunderbar! Die Arbeit ging an uns vorbei. Wir erkundeten das Schiff von oben bis unten, und in der
Messe gab es immer was zu Essen. So schön konnte Krieg sein, so liess er sich aushalten. Ohne Krieg müsste ich jetzt Deck schrubben. Aber alles Gute hat einmal ein Ende.
"Wer bist du denn? Dich habe ich noch gar nicht gesehen." Erwischt! So konnte nur mein "Freund" , der Bootsmann fragen. "Wir schlafen im Hospital", rutschte es mir heraus. Aus war es mit dem schönen Leben. Für meine Mitbewohner war ich ein Verräter, sie hielten mir aber zu Gute, dass ich dem Bootsmann vorgelogen hatte, wir hätten schon die ganze Zeit mit den Anderen Matrazen geschleppt.
Mit Matrazen, sie wurden zu Hunderten mit Kränen aufs Schiff gebracht, hatte ich von der "Bremen" her meine Erfahrung. Matrazen schleppen schien Seemannslos zu sein. Nur diesmal war es lustiger. In der Funkerbude stand ein Plattenspieler, der fleissig bedient wurde. Aus allen Lautsprechern schallte Musik über die Decks. Wo man ging und stand, traf man auf Männer mit Stapeln von Matrazen. Sie wurden in alle Salons und sonstigen Räume verteilt. Es schien Eile geboten, sogar die Offiziere waren zum Schleppen abgestellt. Was war der Zeck der Aktion? Keiner wusste was, aber alle waren am spekulieren, und jeder schien genau zu wissen, was los war.
Lazarettschiff? Truppentransporter? Gefangenentransporte? Viele Fragen, keine Antworten. Warum wurden die Stengen von den Masten genommen? Ohne sie war das ganze Schiff verschandelt. Wofür war das gut? Sollten die Masten bei Feindberührung nicht so schnell über der Kimm auszumachen sein?
Keine Idee war zu abwegig, um nicht geglaubt zu werden.
Banal war dann die Lösung des Rätsels. Wir fuhren durch den Kiel- Kanal und wären mit ungekürzten Masten mit den Brücken in Konflikt geraten.
Ich hatte den Kanal erst kürzlich von Ost nach West kennen gelernt. Nun ging es zur Abwechslung mal in die andere Richtung. Was war das Ziel der Reise? Die Gerüchteküche kochte. Die beste Aussage war: "Im Krieg ist alles geheim!" So geheim wars nun doch nicht. Auf der Brücke sickerte etwas durch. Ein unerlaubter Blick auf den Kartentisch, war nicht immer zu verhindern: Lettland, Riga. Also doch Verwundete. Falsch, ganz falsch!
Die Baltendeutschen wollten heim ins Reich. Der Führer hatte gerufen. Ein neues Kapitel der Weltgeschichte fing an. In Riga stömten die Menschenmassen an Bord. Jemand bat mich :"Helfen Sie doch bitte der Baronin bei dem Gepäck." Es war die erste Baronin meines Lebens, und ich erhielt von ihr ein wunderbares Dankeschön :" Ich wünsche Ihnen eine reiche Frau." "Na denn man to."
In meiner Freizeit butscherte ich gerne durch Riga. Ich kaufte mir, wie auch schon in Portugal, Italien und Amerika Briefmarken, um meine Sammlung zu vervollständigen. Später bedauerte ich es sehr, auf der "Bremen" nicht das Schiffspostamt genutzt zu haben. Die Schiffspoststempel wurden bei Sammlern sehr begehrt. Noch interessanter wäre die Post vom Katapultflugzeug gewesen. Doch leider war das vor meiner Zeit. Man liess, damit die Post einen Tag eher New York erreichte, ein kleines Wasserflugzeug per Katapult von der "Bremen" starten. Es soll sich aber nicht bewährt haben. In Riga gab ich für Marken meine letzten Dollars aus. Als ich mein Geld in einer Bank tauschen wollte, sprach mich davor ein Mann an. "Lats? Geld tauschen?" "Ja, Dollars." Er wurde ganz aufgeregt und blass. Als er aber hörte, dass ich nur ein paar einzelne hatte, beruhigte er sich wieder. Dollars hatten wohl schon immer ihren Reiz.
Auf drei Fahrten zwischen Riga und Gotenhafen bei Danzig, ehemals und heute wieder Gdynia evakuierten wir 50000 Flüchtlinge. Dann hatten wir das "Deutsche Blut" aus dem Baltikum gerettet. Auf der letzten Reise hatte sich das Publikum geändert. Die Reichen und Adeligen hatten, wie immer im Leben, Vorrang gehabt. Jetzt kamen mehr bäuerliche und einfache Flüchtlinge an Bord. Es waren die "Hirschendörfer", und sie brachten blinde Passagiere mit. Flöhe. Überall auf dem Schiff konnte man ihre artistischen Sprünge bewundern. Sie vermehrten sich rasant. In Gotenhafen war es schwer, wirksames Flohmittel zu bekommen. Ich lag bis nach Hause in einer gelben Wolke in meiner Koje. Wieder kam ein Abschied von einem Schiff. Lebe wohl "Potsdam".
In Bremerhaven gab es eine Überraschung. Die "Bemen" lag an der Pier. Man hatte sie
auf einer gefährlichen Fahrt durch englisch kontrolliertes Seegebiet, heim geholt. Als  Belohnung dafür erhielt die Mannschaft einen warmen Händedruck vom Führer. Ich hatte noch Klamotten an Bord. Obwohl sie mir schon vergütet worden waren, konnte ich sie trotzdem abholen, und musste wieder für den Erhalt von "Effekten" unterschreiben. 
      So, gut ausgerüstet, dauerte es nicht lange, bis ich wieder Planken unter die Füsse bekam.Von der grossen "Bremen", die "Potsdam"war auch nicht klein, kam ich jetzt auf ein Schiff, kleiner als ein Fischdampfer. Mit Fischen, obwohl es ein Fangschiff war, hatte es aber auch nichts zu tun. Ich war auf einem Schiff der Walfangflotte "Unitas" gelandet. Mein Weg zum Kapitän verlief nicht gradlinig. Mir fiel auf, dass ich bisher noch nie gefragt wurde :" Willst du auf dieses oder jenes Schiff?" Ich wurde immer geschickt, ohne ein "Geschickter" zu sein, oder zu werden. Es wurde auch niemals eine Erklärung über die Art des Schiffes, und seines Einsatzes, abgegeben.