Dienstag, 27. August 2013

Dehnungsfalte, Sand und Piassavabesen

Routinesachen


Die Wache zwölf bis vier nachts: Deckwaschen und für uns Jungs ein paar unangenehme Zusatzaufgaben, tagsüber Messing putzen und "Farbe waschen", das hieß die Wände reinigen. Auch die Dehnungsfalte war aus Messing.
Die Dehnungsfalte lief über, über alle Aufbauten rund ums Schiff. Sie hatte die Bedeutung, dass das Schiff, mit seinen 300 Metern Länge auf mehreren Wellen liegend, nicht brach. Das Schwesterschiff, die "Europa" hatte mit ihren Dehnungsfalten Schwierigkeiten. Sie brachen öfters Mittschiffs und man versuchte mit immer dickeren Platten dem Übel beizukommen. Von den Passagieren wurden dazu immer Fragen gestellt. Ob die Antwort immer befriedigend war, sei dahin gestellt.
Erzählte man an Land von der Dehnungsfalte, man sah sie dort ja nicht, wurde das als Seemannsgarn
betrachtet.
Man konnte erzählen: "Wir konnten nicht landen, weil die Küste von Löwen besetzt war, die Matrosen sprangen von Mast zu Mast, die Heizer guckten aus dem Schornstein." Das war für die Leute vorstellbar, aber das mit der Dehnungsfalte, das war zu viel, das glaubte man nicht.



Hier wurde jede Nacht mit Sand und Piassavabesen geschrubbt.


Neben dem Deckwaschen hatten Kollege Bernie und ich noch die Aufgabe den schönen weißen Lack der Aufbauten wieder vom Seewasser, das zum Deckwaschen benutzt wurde, vom Salz zu befreien. Mit dem Deckwaschen hielt man sich nicht auf. Wenn es fertig war, war für die Herren Matrosen "daddeldu". Nur Bernie und ich hatten noch die "ehrenvolle" Aufgabe des Entsalzens.
Hinzu kam für mich später auf der Nordroute Bremerhaven-New York noch das Messen der Wassertemperatur. Man wollte nicht, wie die Titanic einem Eisberg in die Quere kommen. Die Messtechnik stammte noch aus der Tiefwasserseglerzeit. Mit einer "Pütz", einem eimerähnlichem Gebilde aus Leder, holte ich mit einer langen Leine Wasser von Außenbords an Deck. Mit einem Thermometer, ähnlich wie Omas Einkochthermometer las ich die Temperatur ab.
An und für sich war es ein hoheitliche Aufgabe, nur vom Bootsmann auszuführen, der es aber einer "vertrauenswürdigen Person", mich, übertrug. Er lag dann längst in der Koje.

Wie jede Wache einen ersten Offizier hat, so hat jede Wachen einen Bootsmann. Unser, von der Zwölf-Vier-Wache, war schon etwas älter und durfte respektlos die Mütze schief tragen. Ein Privileg nur für fünfzig Jahre Fahrenszeit beim Norddeutschen Lloyd.

Mit dem Kollegen Bernie hatte ich meine Last. Er wollte nachts auf dem Bootsdeck nicht an der Leichenhalle vorbei. Das kostete die Reederei mindestens 30 Meter vom Frischwasserschlauch. Mit seiner Angst rauschte uns ein großes Stück Schlauch über Bord.
Er stand oben auf dem Deck, wo die Leichenhalle war und ließ den Schlauch auf das untere Deck herunter, wo ich es abfing. Irgendetwas, ein Geräusch wahrscheinlich, erschreckte ihn und in seiner Angst ließ er den Schlauch los, der an mir vorbeischoss. Alleine konnte ich das Gewicht nicht halten und der Schlauch verschwand im Meer. Mir war es recht, damit waren wir eine Teil der Last los und hatten nicht mehr so schwer zu tragen. Wir kamen jetzt jedoch nicht mehr in alle Ecken zum Salz abwaschen, da uns ja ein Teil Schlauch fehlte.
Der tägliche Inspektionsrundgang mit einem ersten Offizier mit Gefolge aus allen Abteilungen, auch mit Arzt, brachte es an den Tag -Salz- und unseren Bootsmann, auch im Gefolge, auf die Palme. Einer, wer auch immer, hatte doch wirklich Kristalle am schönen weißen Lack am Promenadendeck entdeckt, vielleicht sogar daran geleckt, um festzustellen Salz.
Der Bootsmann wartete nicht lange, kam auf mich zugeschossen, ich fürchtete im nächsten Hafen an Land gehen zu müssen.
Ich konnte nur sagen: "Der Schlauch war zu kurz." Und das war nicht gelogen. Bernie der eigentliche Übeltäter merkte nichts, er lag in der Koje und schlief.


Eigentlich immer aktuell

Aus Der Postillion

Dienstag, 13. August 2013

Flugzeug an Bord

Ein Flugzeug an Bord

Hier das Bildmaterial, das es nicht geschafft hatte:



Aus "Die Bremen kehrt heim" von Hanns Tschira











Alle Bilder aus "Vom Schiff in die Luft" von Dirk J. Peters



Diese Zeichnung sollte im Text eingefügt sein. Das nächste Bild muss so groß sein , damit man die Details erkennt.
Aus "Shadow Voyage" von Peter A. Huchthausen











Montag, 12. August 2013

Muss i denn, muss i denn...

Endlich auf großer Fahrt


Das es nach Südamerika ging hatte ich ja schon erwähnt, der Kapitän hatte mich nicht darüber informiert. Das bedeutete richtig große Fahrt.

Die Musiker an der Kaje stimmten schon ihre Instrumente für den Abschied.

Ich weiß nicht wie viel Passagiere wir an Bord hatten, an der Kaje standen bestimmt doppelt so viele Menschen um zum Abschied zu winken. Unsere Passagiere, ich musste von KDF umdenken, es waren keine Volksgenossen, es war zahlendes Volk, "Haute-Volaute".
Ein Abbild einer Epoche, ein paar Monate vor dem großen Orlog. Noch ahnte keiner etwas! Wirklich keiner? Später musste ich oft an die Leute denken, die ich bei Maria kennen gelernt hatte. Wussten diese Leute mehr? Sollte ich deshalb bleiben?

Im Frühjahr 1939. Die Schiffe im Liniendienst New York waren nicht mehr ausgelastet. Westbound-New York waren die Buchungen noch gut, Eastbound-Europa war nicht mehr so gefragt. Ich hörte, was das ist wusste ich nicht, die koschere Küche hatte man geschlossen. Geld von Devisenschiebern wollte man nicht mehr. Wie schiebt man Devisen? Ich, der aus dem noch friedlichem Italien kam verstand die Welt nicht mehr.
Unsere Küche funktionierte noch, das Essen war gut.

Endlich Leinen los, einmal rund um Südamerika. Man hatte es tatsächlich geschafft, das Chaos von der Kaje an Bord zu schaffen. Ich war für die Zwölf-Vier-Wache und für die Manöver An- und Ablegen zum Vorschiff eingeteilt. Besser als das Achterdeck, es ist alles übersichtlicher.

Die Musik "Muss i denn, muss i denn" wurde vom lauten Abschiednehmen der Massen übertönt. Dann noch dreimal lang mit der Tute zum Abschied, gab dem Treiben den Rest. Das war keine müde Dampfpfeife, das war ein Typhon, der da losbrüllte.

Die Schlepper verabschiedeten sich und vervollständigten das Heulkonzert. Bis zum "Wremer Loch", ein paar Meilen weserabwärts, hatten wir alles seefest verstaut. Die Anker blieben auf der sogenannten Revierfahrt noch klar zum Fallen.
Sicherheit ist alles, denn die Weser war mit den Sänden und der schmalen Fahrrinne ein tückisches Revier. Nicht alles ist Wasser, was wie Wasser aussieht, es ist ein Delta mit mehr Sand als Wasser und das besonders für einen "Dobbas Ahoi", etwas großes wie die Bremen.
Immerhin 300 Meter lang, die Breite muss ich mal ausmessen.

 
Eigentlich sollte hier ein Bild sein, aus technischen Gründen ist es leider nicht möglich.
 
 
Auch der Lotse war noch an Bord, notwendig bei dem schmalen Fahrwasser und bei dem starken Verkehrsaufkommen der von Bremerhaven kommend auf den Gegenverkehr aus der deutschen Bucht trifft.

Neu war für mich der Aufwand von Schiffsvolk beim Ablegemanöver. Ein Haufen niedriges Volk, aber auch zwei Offiziere, einer sogar ein "Erster". Sie wollten, wenn der Alte nicht in der Nähe war gerne mit "Herr Kapitän" angesprochen werden.

Freiwache bis zwölf Uhr nachts. Maria ist so weit weg, ihre Telefonnummer auch. Ich habe Hoffnung, dass sie sich einmal meldet. Sie hat doch die Möglichkeit mich zu erreichen.

Bis zum Ausgang englischer Kanal "Landsend", standen die aus dem Stand der Matrosen aufgestiegenen Quartermaster am Ruder.
Im Kanal, dem Nadelöhr, herrschte nicht nur ein hohes Verkehrsaufkommen, sondern die Kanalfähren, die vielen, mussten ihre Fahrpläne einhalten und waren Querfahrer. Radar gab es noch nicht. Ein Wunder wie wenig passierte.
Bei Nebel war es auf der Brücke nicht auszuhalten. Nervosität war zu spüren. Jeder war froh dem anderen aus dem Weg zu gehen.
Im Atlantik stand dann der der "Eiserne Mann", die Selbststeuerung am Ruder. Etwas, was mir noch unverständlich war.


Auch hier sollte noch Bildmaterial kommen. Werde sie nach Lösung der technischen Probleme nachreichen.

Mittwoch, 7. August 2013

Erste Schritte auf der Bremen

Überseekoffer, Postsäcke und mehr


Froh war ich einen von den überall postierten Bellboys zu sehen. Die wußten Bescheid.
Bellboys, Klingeljungs, Bellhops, Flunkies, alles das Gleiche. Vornehm wurden sie Pagen genannt. Es waren angehende Stewards, die eine Sorte Schiffsvolk, Seefahrer und keine Seeleute.
Sie sorgten für das Wohl der Passagiere. Bei bis zu zweitausend Passagieren, eine erkleckliche Menge Volk. Die Bellboys waren die unterste Stufe in der Hierarchie. Es ging weiter mit den Kabinenstewards für das Betten machen, von denen viele auch für die Musik zuständig waren. Dann die Essensträger nach Klassen 3., Touristen-, 1. Klasse aufgeteilt, bis zu Restaurantfachmann auf dem Oberdeck.
Dort gab es auch die Leichenhalle. Die benötigten keine Bedienung mehr, wollten nur zurück in Heimaterde.
Nicht zu vergessen: die Deckstewards. für alles gab es dann noch einen Obersteward mit den Blitzableitern, seinen Assistenten. Dann war da zum Schluß noch der Oberobersteward, der Chiefsteward.
Ein Page, aus dem englischen, sprich päitsch. Historisch ein Edelknabe bei Hofe. Die Pagen gingen auch mit einer Tafel, befestigt an einem Stock, auf der ein Blatt Papier (page) mit dem Namen der Person befestigt war, die ausgerufen wurde. "To page him/her out!"
Unsere Edelknaben verdienten ein Schweinegeld an Trinkgeldern, was bei uns schon mal Neid aufkommen ließ. Viele wollten gar nicht befördert werden, sie wollten Flunkies bleiben. Das war besser als Betten machen, wo es nicht soviel Trinkgeld gab.

Einer von ihnen war legendär in Bremerhaven, "Boy-Pauka", schon ein älteres Semester, im Besitz eines Fortbewegungsmittels der New Yorker Polizei, einer Harley Davidson. Boy-Pauka war auf Grund seiner Konstitution nicht in der Lage, den Motor zu starten. Es musste immer ein "Starker" kommen. Zur Belohnung für die "Starthilfe" gab es eine Zigarre.
Es wurde gerne rezitiert: "Boy-Pauka erreicht das Schiff mit Müh und Not, Zigarre war aus, Boy war tot."

Wenn man von oben das Abfertigen eines Schiffes am Tag des Auslaufens betrachten könnte, käme einem der Vergleich mit einem Ameisenhaufen.

Es gab wegen der Länge der Reise, diesmal nicht New York, sondern rund um Südamerika, ein besonders großes Angebot an Proviant, Becks Bier und Schnaps waren auch dabei, der Kaviar wurde unter Bewachung geliefert. Die Kräne machten einen Höllenlärm: "Vorsicht schwebende Lasten!" Postsäcke, Riesenkoffer, Gepäck im Netz, seemännisch Netzbrook, sogar ganze Autos wurden auf das Achterdeck gesetzt.
Ich war das erste Mal Gepäckträger, besser Gepäckfahrer, den die Kaventsmänner von Überseekoffern konnten nur per Sackkarre bewegt werden. Für die südlich von Bremen wohnenden Leser: Kaventsmann kann für alles was groß ist benutzt werden, auch die großen Wellen auf See werden so bezeichnet.

Die Postsäcke wurden von Postbeamten in Empfang genommen. An Bord war ein eigenes Reichspostamt.

Der Stempel gut zu erkennen: Deutsch-Amerik. Seepost Bremen-New York

Hier der Stempel der "Bremen" gut zu erkennen.

Folgender Link, obwohl von 1936, paßt sehr gut. Er zeigt etwas von der Abfahrt aus Bremerhaven. Ausschnitt aus einem Spielfilm mit Viktor de Kowa, der auf der Bremen während der Überfahrt gedreht wurde. Die Fenster, die über der Kapelle, die zum Abschied spielt (die Betten-Mach-Stewards) zu sehen sind, sind die vom Restaurant, ein Stückchen weiter dann die Leichenhalle.

http://www.youtube.com/watch?v=zAop412MBTk



NDL - Norddeutscher Lloyd

Hier noch etwas Bildmaterial zum NDL.

Routen, die der NDL 1923 fuhr, zweiter Teil nächstes Bild


Einschiffung "Kaiser Wilhelm der Grosse" 1898

Wartehalle NDL 1871

"Columbus" im Kaiserhafen 1926

Einschiffung "Seydlitz" vor der Wartehalle ees NDL ca. 1926

Plakat 1875

Folgendes Bild ist Anzeige aus diesem Buch. Der Dampfer auf dem Einband ist der Lloyd Dampfer aus der Anzeige.

Aus Verkehrshandbuch 1923

Auch 1923, hier nur die Fernreisen, Anzeige für Berlin aus siehe nächstes Bild

Verzeichnes aller Berliner Freimaurer

Agentur NDL Lloydstrasse Bremerhaven ca. 1910

NDL-Areal am neuen Hafen 1887

Plakat um 1930

Lloydhalle 1935

Postkarten alle Historisches Museum Bremerhaven und Museum für Gestaltung Zürich

Aus "Nordwestdeutsche Zeitung" Freitag 8. Juni 1934

Man beachte Bremerhavener und Wesermünder Hafenverkehr waren getrennt und Fischdampferverkehr war noch gesondert aufgeführt, ausserdem hieß es noch Neuyork, aus wie oben





Mittwoch, 31. Juli 2013

Die legendäre Bremen

Ein Traumschiff


Es gab eine Schwierigkeit, mein Seefahrtsbuch war noch in Italien. Ich hatte dort ja nicht abgeheuert. Wer nicht abgeheuert hat, kann auch nicht wieder anheuern. Alles klärte sich auf. Ich bekam ein neues Seefahrtsbuch, ohne das man nicht zur See fahren kann. Es wurde in allen Ländern als Pass anerkannt.

Die Bremen hatte schon den "blauen Peter" aus dem Flaggenalphabet gesetzt. Die Bedeutung: "Das Schiff läuft in Kürze aus."



































Was für ein Kontrast zum Dampfer "Der Deutsche", jetzt "Die Bremen", eines der modernsten Schiffe auf den Weltmeeren, Inhaber des blauen Bandes für schnellste Überquerung des Atlantiks und später "Die legendäre Bremen".

Zuerst einmal wollte ich mit Maria in Italien telefonieren. Wo war die Telefonnummer, die Adresse, die sie mir gegeben hatte. Trotz intensiver Suche fand ich sie nicht. Dann fiel mir ein, sie war in meinem Seefahrtsbuch und das war ja noch in Italien.
Maria, Italien, "Sag zum Abschied leise Servus". Das haben wir nie gemacht. Zwar haben wir uns verabschiedet als es von Venedig wieder in Richtung Genua ging, aber wir waren ja sicher, dass ich in vier Wochen wieder in Venedig bin.
Ich musste mich damit abfinden, dass ich in der Kürze der Zeit keinen Weg fand um Kontakt mit Maria aufzunehmen.
Ich habe Maria nie wiedergesehen und weiß auch nicht was aus ihr geworden ist. Nach dem Krieg gab es ein Lied, was mich erinnerte: "A chapter in my life called Mary". Aber auch da war keine Gelegenheit zur Suche. Auch jetzt trotz intensiver Recherche im Internet habe ich keine Hinweise gefunden.

Letzte Erinnerung an Italien, ich auf "Der Deutsche"



































Die "Freilagerjuden" saßen, wie immer beim Auslaufen eines Schiffes, in der Messe und warteten auf Aufträge. Es sind gar keine Juden, es sind Händler, Schiffsausrüster und waren, weil zollfrei, preiswert. Man kaufte vor Ausreise das Nötigste, Seife, Zahnpasta und es gab nichts, was es bei Ihnen nicht gab. Zahltag war bei der Heimkehr. Ich musste erst einmal die Schulden von der Italienreise löhnen.

Beim Auslaufen eines Schiffes herrschte Hochbetrieb, Lieferanten aller Art drängelten sich. Als letztes kam der Blumenhändler, in diesem Fall Siedenburg, denn die Blumen mussten ganz frisch sein.

Noch einer der da rumwuselte, das konnte nur der Bootsmann sein. "Du bist der Neue? Zwölf-bis Vier-Wache, die dritte Bude." Buden waren unsere Kammern mit den Kojen, auch Betten genannt. Nur der Kapitän hatte keine Bude sondern eine Kammer. Verwirrend, dass eine Dame einmal gesagt haben soll: "Ich war noch beim Kapitän in der Koje." Aber auch das soll vorgekommen sein.


Die Zwölf-bis-Vier-Wache gefiel mir, auch Hundewache, englisch Dog-Watch, genannt. Denn tagsüber nach dem Mittagessen pflegten sich die Passagiere in den Deckstühlen zu erholen. Es herrschte dann Ruhe im Schiff und nachts sowieso und wir konnten uns erholen, wenn man Deckwaschen jede Nacht als Erholung ansehen will.

In meiner Bude waren noch zwei Kojen zur Auswahl frei, ein Ober- und eine Unterkoje. Beide in Längsrichtung des Schiffes. Besser als Kojen quer zum Schiff, die haben beim Rollen in der Dünung den Nachteil, dass man einmal in der Koje steht und dann wieder Kopfstand macht.

Jetzt war nur zu entscheiden oben oder unten. Wie ist denn die jeweilige Rollennummer? An jeder Koje ist ein Kärtchen, das dem Inhaber anzeigt was bei Gefahr seine Aufgabe ist und wo seine Station ist, und das wird durch diese Rollennummer angezeigt. Eine der beiden war Feuerlöscher, auf die meine Wahl fiel, war doch bereits Brandbekämpfung mein Lieblingsfach bei der Ausbildung auf der Nawitka.
Zuerst einmal los und sehen wie der Weg zu meiner Station ist.

Die Passagiere waren schon an Bord und versuchten mit suchenden Augen, so wie ich, sich zurecht zu finden. Hauptziel war immer, wie komme ich in diesem Labyrinth zurecht. Es war für mich nicht leicht, die Fragen von Passagieren zu beantworten. Zu sagen, auch ich bin hier fremd, wäre wohl befremdend gewesen.



Montag, 29. Juli 2013

Ciao, ciao Bella Italia

Letzte Erlebnisse in Italien


In Venedig erlebte ich immer schöne Stunden mit Maria und ihrer Familie. Wer konnte mir besser Venedig und dessen Geschichte erklären. Sie hatte viele Bekannte und Verwandte in den herrlichen alten Gemäuern.
An Bord schwieg ich, man hätte mir das nicht abgenommen.
Es war eine echte tiefe Freundschaft. In der Zeit lernte ich viel über die italienische Lebensweise, über die Kultur. Ich hörte hier in Italien mehr über Goethe, als in meiner ganzen Schulzeit.
Das Stadthaus mit Büro war ebenso wie das Gut ein offenes Haus, voller Gäste.
Ich hörte einmal von der Hausfrau: "Ein Gast am Tisch ist Gott!"

Es waren immer viele Deutsche anwesend. Eine andere Art von Deutschen, nicht die hitlerischen Deutschen, die ich im "Verein der Auslandsdeutschen" kennenlernte.
Den Hausherren, den Namen habe ich nie zur Kenntnis genommen, wurde mit "Conte" auch mit "Advocato" und manchmal mit "Condottiere" angesprochen. Diese Wörter hatte ich dann im Wörterbuch nachgeschlagen: Conte heißt Graf, Advocato Jurist und ein Condottiere ist irgend etwas militärisches.

Mittags gab es nicht das für mich gewohnte Essen. Man musste sich an die vielen Obstschalen halten. Wein vom eigenen Gut stand immer bereit. Auch die Kinder tranken schon in geringen Mengen davon. Essen, und das sehr üppig, gab es nur abends und zog sich über Stunden hin.
Ich habe vieles gegessen, was ich nicht kannte.

Die Hausherrin am Klavier mit Begleitung von wechselnden Instrumenten. Fremde Lieder, aber auch welche, die ich von Großmutter, die in einem Chor, sang kannte.

Großmutter mit Sängerorden, auf den sie sehr stolz war.



































"Kein schöner Land", "Im grünen Wiesengrund" und vieles mehr. Ich hörte auch das ewige Lied, das auf dem Ausflugsdampfer nach Capri gespielt wurde, wenn er unser Schiffe passierte.

Gut das mir keine Fragen nach meinen Liedern gestellt wurden. Aus einem Instinkt heraus schwieg ich. Wie hätte man wohl meine von der Hitlerjugend geprägten Lieder beurteilt. Zum Beispiel: "... heute gehört uns Deutschland und morgen die ganze Welt!" (später erfuhr ich, im Original heißt es eigentlich heute hört
uns Deutschland...)

In dieser illustren Runde hatte ich noch oft die Gelegenheit zum Schweigen, aber auch zum Fragen stellen.
Maria sagte einmal: "Frag nicht zu viel!"

Die gewohnten Rundreisen um den Stiefel waren ohne Höhepunkte, außer Venedig, zur Routine geworden.
Die Döntjes waren abends in der Messe beim Bier beliebte Unterhaltung. Oft wiederholt, immer etwas ausgeschmückt, dadurch immer wieder neu.
Anderes ließ schon nach Monaten fern der Heimat auf einen Tropenkoller, auf einen italienischen schließen.
Behauptung: "Du kannst kein rohes Ei aus dem Bullauge werfen!" Protest, Debatten. Das musste bewiesen werden. Eier auf kurze Distanz durch das Bullauge werfen? Ein Schlauer: "Das Bullauge muss aber offen sein!" "Na klar!".
Donnerstags, Seemannssonntag, gab es Frühstückseier nach Wunsch. Gebraten oder gekocht. Die Küche wunderte sich, diesmal waren rohe Eier gefragt.
Tatsächlich, bis auf ein zwei Zufallstreffer kein Ei außenbords. Wir, nicht am Wettbewerb Beteiligten, grinsten und genossen unsere Eier, gebraten oder gekocht.
Erst viel später erfuhr ich dann die Auflösung. Es liegt an der Physik, es ist ein Naturgesetz. In rohen Eiern schwabbelt es und vermasselt damit das Geradeausfliegen.

In Neapel lag wieder einmal eine Einladung zum Fußballspiel vor. Wir gegen Napoli. Um gegen den Trott anzukämpfen, kam man auch auf die Idee einen Boxclub zu gründen. Genannt Heros II, nach dem Bremerhavener Boxclub Heros. Ich hatte kein Talent, aber einen verstauchten Daumen, der mich noch jahrelang an Heros II erinnerte, weil er jedes mal, wenn ich mit ihm irgendwo anstieß, noch weh tat.

Nach dem Fußballspiel besuchten wir mit unseren italienischen Sportsfreunden ein Art Jahrmarkt. Mit Buden, Karussell und mehr. Wir erlebten eine Schlägerei, waren aber nicht beteiligt. Sirenengeheul, Polizei dann war der Platz wie leer gefegt. Auch unsrer italienischen Freunde waren nicht mehr zu sehen. Die Verblüffung der Polizei, dass wir nicht die Flucht ergriffen hatten, war ersichtlich, aber wie wir später erfuhren nicht verwunderlich. In Italien fragte die Polizei nicht nach Schuld oder Unschuld, alle am Tatort bekamen Prügel. Wir hatten Glück, das wir als Tedesci, als Deutsche erkannt wurden, die mit den Fluchtgewohnheiten in Italien nicht vertraut waren.
Über diese Begebenheit schmunzelte Marias Vater und meinte: "In Italien wird aber keiner totgeschlagen." Eine der vielen dunklen Anspielungen und Erlebnisse, die mir erst später zu Erkenntnis kamen.

Maria und ich fuhren manchmal auch mit dem Auto zum Landgut. Der Fahrer, welche Aufgabe hatte er neben seiner Aufgabe als Fahrer? War er Personenschutz für Maria? War er Anstandswauwau? Ich weiß es nicht. Eine halbe Sunde Fahrt, die mir eine andere schöne Seite von Italien zeigte.

Das große Anwesen beherbergte eine Rinderzucht mit gepflegten Tieren und Weinbergen. Es gab viel Personal, dass auffallend schweigsam und sehr zurückhaltend war. Bei späteren Besuchen kam man sich näher und ich merkte, dass ein großer Teil Deutsche waren. Sie sprachen kaum italienisch. Was waren das für Menschen? Ich habe es nie erfahren, mir später aber viele Gedanken gemacht. Möchte darüber aber nicht spekulieren. Es soll dem Leser überlassen werden, unter Berücksichtigung der Umstände der damaligen Zeit, seine Schlüsse zu ziehen. Vielleicht finde ich ja noch eine Antwort.

Mir wurden viele Fragen gestellt, mehr als ich beantworten konnte. Wir waren im Frühjahr 1939. Auf Fragen nach den Bränden von Synagogen konnte ich keine Antwort geben. Wir selbst waren im Herbst 1938 bereits in Italien und ich hatte von der, später Reichskristallnacht genannten, Aktion nichts mit bekommen.
Irgendwie musste der Vater von Maria Erkundigen über mich eingezogen haben, er wusste einiges von mir. Er sprach mit mir, es war im Frühjahr 1939 über einen kommenden Krieg. Ob ich nicht in Italien bleiben möchte? Alles verwirrend, alles unverständlich, keiner von uns dachte an Krieg. Später habe ich oft an das Gespräch denken müssen und mir einiges ausgemalt.
Meine Italienreise sollte sowieso in Kürze abrupt enden. Ich sah Venedig und Maria nie wieder.

Schon vor Genua machte mir mein Hals Kummer. Die alte Kinderkrankheit, die Mandelentzündung kehrte zurück. In Genua bekam ich die Zähne schon nicht mehr auseinander. Mit dem mir bekannten roten Saft wurde gespült und gegurgelt. Der Bordarzt: "Die müssen mal raus:" Das war immer so, nur wenn die Schmerzen abgeklungen waren, dachte ich nicht mehr daran.
Entscheidung vom Arzt und von wem noch? Ich bekam die Heimreise nach Bremerhaven mit einem der Züge, mit denen die Passagiere zurück fuhren, verordnet.
Das lag wohl an der Devisenknappheit, im Ausland zahlte die Seekasse nicht. Die Kosten gingen zu Lasten der Reederei. Jedenfalls ging es mit Arztbericht auf Heimreise. Verpflegung braucht ich in meinem Zustand nicht, aber 20.- RM gab man mir für alle Fälle mit. Nicht geschenkt, man zog sie mir später wieder ab. Mir wurde aufgetragen nach Basel, im deutschen Vaterland, wenn möglich das nächste Krankenhaus aufzusuchen.
Mir ging es saumäßig. Noch vor Basel wurde mir übel, schaffte es gerade noch zur Toilette, spuckte und merkte, dass da etwas geplatzt war. In Basel war ich schon wieder ziemlich obenauf, stank jedoch fürchterlich aus dem Hals.
Zurück nach Italien? Ich weiß nicht warum, aber ich landete in Bremerhaven. Der Vertrauensarzt der Seeberufsgenossenschaft meinte auch: "Die Dinger müssen mal raus!", schrieb mich aber seetauglich und meine Mandeln waren vergessen. Die Heuerstelle in der Schleusenstrasse entschied, dass eine Rückkehr nach Italien nur unnötige Kosten verursachen würde.

An der Columbuskaje lag bereits mein nächstes Schiff. Die Bremen!


Noch was für die Ahnenforscher






































Donnerstag, 25. Juli 2013

Maria, Maria, Maria

Mein Treffen mit Maria


Die Rückreise mit der Eisenbahn in das Land wo die Zitronen blühen hatte nichts Berauschendes. Die Erinnerung an das Weihnachtsfest und den Urlaub verblaßte.
Ich freute mich auf ein und träumte vom Wiedersehen mit meiner neuen Freundin Maria, auch auf ihre Familie, in der ich liebevolle Aufnahme gefunden hatte. Wie hatten sie wohl das Fest verlebt?
In den Gedanken mit den Geräuschen des Zuges erlebte ich nochmals das Kennenlernen mit meinem "Engel" Maria.

Zu kleine Schuhe spielten Amor. Zum eleganten Konfirmandenanzug hatte ich von meinem Patenonkel ein paar Schuhe, schöne Schuhe, bekommen.
Sie hatten nur einen Fehler, sie waren eine Nummer zu klein. Nun war es nicht die Zeit und auch das Geld war nicht vorhanden, um einfach in einen Schuhladen zugehen und neue Schuhe zu kaufen. Man war bescheiden und ließ sich nichts anmerken. Damit war jeder Landgang eine Qual. Wann immer möglich befreite ich mich von der Last. Unterm Tisch fiel das nicht auf. Beim Rückmarsch zum Schiff lief ich, zum Beispiel in Bremerhaven von der Schleusen- oder Keilstraße auf dem Deich in Socken bis zur Columbuskaje.
In Venedig war ich dann finanziell in der Lage mir ein Paar passende Schuhe zu zulegen. Vor dem Laden studierte ich lange die Auslagen und Preise. Drinnen dann eine freundliche Bedienung, sie kein deutsch, ich wenig italienisch.
Man versuchte Maß an meinen alten Tretern zu nehmen. Mein Prostest "Grande, grande" wurde nicht zur Kenntnis genommen. Verzweiflung! Da nahte Hilfe in deutsch. Maria mit italienisch, aber auch perfektem deutsch löste das Problem. Sie verklickerte der noch immer Kopf schüttelnden Verkäuferin, dass ich größere Schuhe wollte.
Es war lustig, wir hatten viel Spaß, von Liebe auf den ersten Blick wusste ich noch nichts. Der Schuhkauf war erledigt. Die alten Quälgeister ließ ich hinter mir, sie waren noch gut erhalten, für einen Italiener auf kleinem Fuß dürften sie noch gute Dienste geleistet haben.
Als Dankeschön eine Einladung zu einem Eis: "Gelato?Gelata?" um mein italienisch anzubringen.

Maria war wohl etwas älter als ich und himmlisch schön. Die Zeit verging im Fluge. Dann musste sie fort.
Maria hatte mir erzählt, dass ihre Mutter eine Deutsche wäre und sich freuen würde, mich kennenzulernen. Wir verabredeten uns für den nächsten Tag, gleiche Zeit, gleicher Ort. Sie meinte, dass ich aber bitte nicht böse sein solle, wenn sie nicht kommen könnte.

Ich hatte Sorgen, ob ich nach dem finanziellen Aderlass, Schuhe und Gelato, noch genug Lire für das Boot zurück zum Schiff hatte.
Mit Laufen ist es in Venedig nicht getan, obwohl mit den passenden Schuhen wäre es gegangen. Auf unserem Globus gibt es mehr Wasser als Erde und ein großer Anteil befand sich nun mal in Venedig.

Bei der Rückfahrt dachte ich: "Morgen muss ich mir ein paar Lire pumpen, von wem?"

Am nächsten Tag, war ich nicht voll bei der Arbeit, was aber nötig gewesen wäre. Seemännische Theorie stand auf dem Stundenplan, terrestrische Navigation. Kursdreieck, Peilungen und immer wieder der Kompass. Nord zum Osten, einmal rum zurück zum Westen, und das obwohl wir nur mit dem Kreiselkompass nach den 360° steuerten.
Viel blieb nicht hängen. Musste mir ja auch noch die Lire pumpen, was nicht so einfach war, aber doch klappte.

Am Treffpunkt wartete ich nicht lange. Sie kam, noch schöner als gestern. Die Überraschung, am Bootssteg ein Privatboot mit Bootsmann. Nach kurzer Fahrt zum Festland kamen wir zu einem herrlichen Anwesen. Freundlich wurde ich von Marias Mutter empfangen.
Das Haus war voll von fröhlichen Leuten. Viele deutsche Laute. Eine lange Tafel, das Essen zog sich hin bis tief in die Nacht. Ich war überwältig, aber mir war auch mulmig zumute. Mussten wir Jungs doch bis 22 Uhr an Bord zurück sein.
Was tun? Maria sagte: "Kein Problem, das Boot bringt dich zum Schiff zurück."
"Bis Morgen", sagte der Bootsmann am Ende der Fahrt, auch er sprach deutsch. Trotzdem war ich zu spät auf dem Schiff. Die Gangwaywache, ein Quartermaster guckte schief.

Am nächsten Tag mußte ich zu unserem Bootsmann. Er sagte: "Sollst zum Zweiten kommen."
Bammel, aber mein Bericht gefiel dem zweiten Offizier. Denn ich bekam ab da Ausgang bis 24 Uhr.

Jedes mal, wenn wir in Venedig waren, kam der Bootsmann war immer mit dem kleine Boot und holte mich ab. Er wurde mir ein väterlicher Freund.
Sonst gab es für den Rest meiner Italienzeit, bis auf einen Ausflug nach Rom mit Maria, keine großen Erlebnisse mehr.

Rom war groß, laut, aber interessant. Eindruck macht die Ruine des Colosseums. Einfach Kolossal.

Jahre später hatte ich noch einmal eine Erinnerung an Rom. Das amerikanische Invasionsheer hatte von Sizilien kommend Rom erreicht. Ein General, ich glaube es war der berühmte General Patton, soll beim Anblick der über zweitausend Jahre alten Ruinen des Colosseums gesagt haben:
"Our Boys did a good job!"

 Neapel


Souvenir aus Neapel 1920er Jahre
Hafen mit Leuchtturm aus Ricordo di Napoli


Aus dem Archiv

Die große Kirche in Bremerhaven, drei Ansichten




1895 aus Bremerhaven früher & heute von 1969





1949 aus Nordsee-Zeitung Spezial "Kriegsende"von 2005

1969 aus Bremerhaven früher & heute


Nochmals Archiv, aber trotzdem aktuell

Ein Rundschreiben vom 14.03.98, sehr aktuell 22.09.06 

jetzt und wieder aktuell