So pendelten wir mit der "Bremen" im Sommer 1939 in gewohnter Weise zwischen den Welten hin und her.
Immer volle Kaft voraus, auch wenn bei schwerem Wetter der Wintergarten unterhalb der Brücke eimal dran glauben musste. Der Lloyd hielt den Fahrplan ein. Pünktlich im Hafen zu sein war Alles. Wieder verteilte ich in Bremerhaven die in Auftrag gegebenen Waren aus Amerika. Ich machte dabei immer ein Minus. Bezahlt wurde ich in Mark, die nichts wert waren, kaufen musste ich aber in harten Dollars. Ich habe nie gelernt, nein zu sagen.
Im Eiscafé an der Kaiserstrasse war ich mit Riesenportionen Stammgast. "Tarantella", "Rote Mühle" und "Clou" waren Ankerplätze für Herbert vom Fischdampfer und mich.
Die Kneipen waren voll. Die Fischdampferleute verdienten gutes Geld. Beim Heuerbüro in der Schleusenstrasse verbrachten die Seeleute die Wartezeit, bis zu den Aufrufen des Heuerbaas, in der Sonne liegend am Deich. "Für die "Stuttgart" zwei Heizer!" "Dat mach ich nich, denn bin ich ja schwarz". Gelächter und weiter warten. Es gab ja genug.
Ich bekam von einem Nachbarn zwei Dollars geschenkt. Sie sahen anders aus, als die, die ich kannte, hatten ein anderes Format. Sie stammten aus der Inflationszeit. Mein Grossvater hatte einen ganzen Schuhkarton voll Inflationsmark und glaubte fest an die Aufwertung.
Auch Vater Miller kannte die Dollarscheine nicht. Er ging damit zur Bank und kam mit zwei neuen Dollarnoten zurück. In Amerika verfiel kein Geld. War ich jetzt ein "Devisenschieber"?
Ein einmaliges Zeitdokument aus einem 90jährigen Leben, verbunden mit profundem Wissen in Wirtschaft und Politik. Der Letzte seiner Art.
Sonntag, 12. April 2015
Donnerstag, 2. April 2015
1939, EIN HEISSER SOMMER
Es war heiss in New York. Mittags, nach dem Essen ein kleiner Schlummer an Deck. Die sonne meinte es gut. Zu gut für meine Füsse, die in den Gummistiefeln kochten. Gut, dass ein Hydrant zum abkühlen in der Nähe war, bloss keinen Sonnenstich bekommen.
Warum wird man Seemann? Um Messing zu putzen! Was ging im Kopf des Bootsmanns vor, bei dieser Hitze Bernie und mich, uns Leidensbrüder, in den Mast zu jagen, um die Glocke am Mastkorb zu putzen. Mit Mast und Korb hatte dieses 30 Meter hohe Ding nichts mehr zu tun. Die Bezeichnungen kamen noch von den Segelschiffen; auch nichts mit einem "Krähennest". Es hatte seine ursprüngliche Wichtigkeit weitest gehend verloren.
Auf den Segelschiffen mit ihrer geringen Wendigkeit, war es notwendig, um möglichst früh einen Entgegenkommer auszumachen. Das war vom Ausguck, dem höchsten Punkt des Schiffs einfacher, als von der Brücke. Es war der einzige Platz damals, von dem aus man die Krümmung der Erde sehen konnte. Über die Kimm, dem Horizont sah man zuerst die Masten, bevor das ganze Schiff auftauchte.
Die Glocke diente als Verständigungsmittel mit der Brücke. nicht nur bei Gefahr, sondern auch jede halbe Stunde, ertönte die Glocke der Brücke, und der Ausgucksmann antwortete. Die Zeitspanne wurde "Glasen" genannt. Jede Wache bestand aus acht Glasen.Das stammt aus der Zeit, als die Sanduhr auf der Brücke alle halbe Stunde gedreht werden musste. Das wurde mit der Glocke angezeigt und der Ausgucksmann antwortete, um anzuzeigen, dass er nicht pennte.
Neben der Bimmelei war vom Ausguck zu melden:"Auf der Back ist alles wohl, und die Lampen brennen." - das Vorschiff und die Lampen waren von dort oben, besser zu über-
blicken. Von der Brücke kam dann ein "O.K". Auf Englisch hiess es:"Light shines right, Sir." Bei Sturm auch mal so:"May I fuck you wife, Sir?" Durch das Heulen des Windes klang es gleich. Von der Brücke kam ein "O.K." und der Ausguck grinste.
Also, unser "Mast" war eine Metallröhre, in der man innen hoch kletterte, bis zu einer Art Kasten, dem modernen "Krähennest". Wir hatten eine Aussicht. Unten am Pier schwitzte ein Shoe shine boy in der Sonne. Nach fast jedem Kunden, das Geschäft lief gut, sauste er über die Strasse zum nächsten Diner und holte sich für 5 cents diese schwarze Brause, eine "Coca Cola". Der Wirtschaftskreislauf funktionierte.
Ich hatte wieder etwas für mich Neues, von dem ich in der Heimat berichten könnte: "Shoe shine boy", "Diner" und "Coca Cola".
"Coca Cola" hatte in Deutschland noch keine grosse Verbreitung gefunden. Man legte darauf, es kostete schliesslich Devisen, auch keinen grossen Wert. Um die Bevölkerung abzuschrecken, hatte Deutschland es geschafft, dass auf der weltweiten Standardflasche die Warnung:"koffeinhaltig" stehen musste. Doch der Schuss ging nach hinten los. Kaffee wurde immer knapper, da kam "Coca Cola" gerade recht.
Bernie und ich saßen hoch oben im Krähennest und sahen unten die Leute schwitzen. Hier oben sorgte immerhin ein Lüftchen für etwas Kühlung. Für wen bloß sollten wir der Glocke Glanz verpassen, Glanz wie auf den Schuhen unseres Shoe Shine Boys.
Hier oben war ich dran mit der Angst. Während Bernie hier vor der Leichenkammer sicher war, Liess mir meine Höhenangst kaum Zeit zum putzen. Ich zitterte. Wenn am Lade-
baum eine Last hing, zitterte der mast mit mir um die Wette. Von der Brücke aus glaubte der Bootsmann, mit dem Fernglas, den Fortschritt des Glockenglanzes zu sehen. Im Blechkasten klingelte das Telefon. Es war ein modernes Krähennest! Daddeldu, Feierabend. Ich erreichte das rettende Deck mit immer noch schlotternden Knien. Wie sollte das bloß in der, für die Ausbildung, vorgeschriebenen Zeit auf einem Segelschiff werden. Wie würde ich in die Masten kommen, geschweige denn, wieder raus?
Die nächste Reise eastbound Bremerhaven musste die "Bremen" mit einseitigem Glockenglanz bestehen.
- Keine Beschwerden; so hoch kam die tägliche Visite nicht-
Warum wird man Seemann? Um Messing zu putzen! Was ging im Kopf des Bootsmanns vor, bei dieser Hitze Bernie und mich, uns Leidensbrüder, in den Mast zu jagen, um die Glocke am Mastkorb zu putzen. Mit Mast und Korb hatte dieses 30 Meter hohe Ding nichts mehr zu tun. Die Bezeichnungen kamen noch von den Segelschiffen; auch nichts mit einem "Krähennest". Es hatte seine ursprüngliche Wichtigkeit weitest gehend verloren.
Auf den Segelschiffen mit ihrer geringen Wendigkeit, war es notwendig, um möglichst früh einen Entgegenkommer auszumachen. Das war vom Ausguck, dem höchsten Punkt des Schiffs einfacher, als von der Brücke. Es war der einzige Platz damals, von dem aus man die Krümmung der Erde sehen konnte. Über die Kimm, dem Horizont sah man zuerst die Masten, bevor das ganze Schiff auftauchte.
Die Glocke diente als Verständigungsmittel mit der Brücke. nicht nur bei Gefahr, sondern auch jede halbe Stunde, ertönte die Glocke der Brücke, und der Ausgucksmann antwortete. Die Zeitspanne wurde "Glasen" genannt. Jede Wache bestand aus acht Glasen.Das stammt aus der Zeit, als die Sanduhr auf der Brücke alle halbe Stunde gedreht werden musste. Das wurde mit der Glocke angezeigt und der Ausgucksmann antwortete, um anzuzeigen, dass er nicht pennte.
Neben der Bimmelei war vom Ausguck zu melden:"Auf der Back ist alles wohl, und die Lampen brennen." - das Vorschiff und die Lampen waren von dort oben, besser zu über-
blicken. Von der Brücke kam dann ein "O.K". Auf Englisch hiess es:"Light shines right, Sir." Bei Sturm auch mal so:"May I fuck you wife, Sir?" Durch das Heulen des Windes klang es gleich. Von der Brücke kam ein "O.K." und der Ausguck grinste.
Also, unser "Mast" war eine Metallröhre, in der man innen hoch kletterte, bis zu einer Art Kasten, dem modernen "Krähennest". Wir hatten eine Aussicht. Unten am Pier schwitzte ein Shoe shine boy in der Sonne. Nach fast jedem Kunden, das Geschäft lief gut, sauste er über die Strasse zum nächsten Diner und holte sich für 5 cents diese schwarze Brause, eine "Coca Cola". Der Wirtschaftskreislauf funktionierte.
Ich hatte wieder etwas für mich Neues, von dem ich in der Heimat berichten könnte: "Shoe shine boy", "Diner" und "Coca Cola".
"Coca Cola" hatte in Deutschland noch keine grosse Verbreitung gefunden. Man legte darauf, es kostete schliesslich Devisen, auch keinen grossen Wert. Um die Bevölkerung abzuschrecken, hatte Deutschland es geschafft, dass auf der weltweiten Standardflasche die Warnung:"koffeinhaltig" stehen musste. Doch der Schuss ging nach hinten los. Kaffee wurde immer knapper, da kam "Coca Cola" gerade recht.
Bernie und ich saßen hoch oben im Krähennest und sahen unten die Leute schwitzen. Hier oben sorgte immerhin ein Lüftchen für etwas Kühlung. Für wen bloß sollten wir der Glocke Glanz verpassen, Glanz wie auf den Schuhen unseres Shoe Shine Boys.
Hier oben war ich dran mit der Angst. Während Bernie hier vor der Leichenkammer sicher war, Liess mir meine Höhenangst kaum Zeit zum putzen. Ich zitterte. Wenn am Lade-
baum eine Last hing, zitterte der mast mit mir um die Wette. Von der Brücke aus glaubte der Bootsmann, mit dem Fernglas, den Fortschritt des Glockenglanzes zu sehen. Im Blechkasten klingelte das Telefon. Es war ein modernes Krähennest! Daddeldu, Feierabend. Ich erreichte das rettende Deck mit immer noch schlotternden Knien. Wie sollte das bloß in der, für die Ausbildung, vorgeschriebenen Zeit auf einem Segelschiff werden. Wie würde ich in die Masten kommen, geschweige denn, wieder raus?
Die nächste Reise eastbound Bremerhaven musste die "Bremen" mit einseitigem Glockenglanz bestehen.
- Keine Beschwerden; so hoch kam die tägliche Visite nicht-
Montag, 30. März 2015
KURZES INTERMEZZO IN HARLEM
Auf der "Bremen" hatte ich nicht viel persönliche Kontakte, geschweige denn einen Freund. So stromerte ich allein durch die grosse Stadt. Ich besuchte das deutsche Viertel in den 80er Strassen. Man sprach hier noch viel Deutsch, sehr altes Deutsch.
Viele von der Mannschaft gingen tanzen. Ungewöhnlich war, dass man Bons kaufen musste, deren Gegenwert ein Tanz mit einer Dame war. Ich war auf der Tanzfläche eine Gefahr für die Damenfüsse. Es lag mir nicht. Als ich später erkannte, dass Tanzen eine vertikale Verführung war, um eine Dame in die "Waagerechte" zu bekommen, musste ich mir Anderes einfallen lassen.
Unmusikalisch, aber musikliebend hatte ich einmal die Gelegenheit, zwei Musikern unserer Bordkapelle beim Üben auf dem Arbeitsdeck zu zuhören. Sie spielten Saxophon und Klarinette. Harry fragte mich:"Gefällt dir das? Das ist Niggermusik". Mir sagte das nichts, aber es gefiel mir sehr. Er lud mich ein, eimal mit nach Harlem zu kommen, er
hätten dort Freunde.Ich war neugierig und sagte gerne zu.
In Harlem zeigte er auf einen Kellereingang. "Da müssen wir rein". Unten befand sich eine Bar. Wir waren kaum drin, da bekam ich schon eine Flasche Bier in die Hand. Die erste Flasche Bier meines Lebens. Es war sehr voll. Außer Harry und mir nur Schwarze. Die Musik war sehr laut und klang in meinen Ohren wie fürchterlicher Krach. So etwas hatte ich noch nie gehört. Ich war froh, als wir wieder draußen waren. Diese Art von Jazz war etwas ganz anderes, als die gemäßigte Variante, die an Bord gespielt wurde.
RETOUR
Es ging wieder über den Atlantik. Bis Bremerhaven wieder nächtliches Deckschrubben. Eine Abwechslung war die gelegentliche Telefonwache. Man saß in einem kleinen Kabuff. Mir war die sicherlich wichtige Bedeutung dieser Aufgabe nicht bekannt, aber ich hoffte immer, dass das Telefon nicht klingeln möge. Es tat mir den Gefallen und schwieg. Das Gute an der Wache war, dass es immer eine Riesenkanne Kaffee, und noch wichtiger für mich, ein ganzes Paket Würfelzucker gab. Das überstand die Wache nie. Zu Feierabend um vier Uhr besuchte ich die Bäckerei. Die ersten warmen Brötchen, aufgebrochen mit etwas Butter darin, eine Delikatesse, die nicht wenig zu meinem "Lloydbäuchlein beitrug.
Die "Bremen" hatte rund 1000 Mann Besatzung. Wir waren Wanderer zwischen den Welten, wie sie verschiedener nicht sein konnten für mich. Zweimal im Monat im Wechsel Bremerhaven - New York. Was mir als erstes auffiel, in Deutschland trug zwar nicht jeder eine Kravatte, aber es lief auch keiner, wie vielfach in New York im Unterhemd durch die Strassen. Dafür gab es sehr viele "schicke" Uniformen.
Zu Hause wollte man wissen, ob ich die Freiheitsstatue gesehen hätte. Hatte ich nicht, aber das wollte ich nicht zugeben und so gab ich eine Beschreibung ab, wie noch keiner die alte "Dame"gesehen hat. Ich nahm mir aber fest vor, auf einer der nächsten Touren das Versäumte nachzuholen.
Meine alten Freunde in Bremerhaven waren mir fremd geworden.Herbert Hartmann, der Fischdampfermatrose, mein Begleiter durch die nächtliche Vergnügungswelt von Bremerhaven war oft auf See, so streifte ich allein durchs Nachtleben. An fast jeder Ecke war eine Kneipe, also pro Kreuzung vier! Es hiess damals:" Selbst wenn man in jeder nur ein kleines Bier- damals noch 0,2 Liter- trinkt, kommt man nicht durch die ganze Stadt". Die Bar "Tarantella" war beliebt. Die Kneipiers waren oft frühere Lloydstewards. Die Besatzungen ihrer ehemaligen Schiffe waren treue Stammkunden und ließen sich von ihrem alten Kollegen das Geld aus der Tasche ziehen. Ich fragte nach jeder Reise bei meinen alten Italienfahrern von der "Der Deutsche" nach Maria. Hatte sie vielleicht auf dem Schiff nach mir gefragt?
Die zwei Tage Liegezeit waren schnell herum und es ging wieder an Bord.
HOBOKEN
Jetzt war ich ein Amerikafahrer. Meine erste größere Tour durch New York ging damit los, die Auftrage aus der Heimat zu erfüllen. Willis Büffelkopfgürtel und die Lockenschere für die Nachbarin. Doch zuerst wollte ich die Schallplatte bei Herberts Tante in Hoboken abgeben.
An der Pier gab es ein Telefon, reichlich fremd. Ich fand keine Wählscheibe." Hello?" kam es aus dem Höhrer." Hello?" - wohl das meist benutzte Wort in Amerika beim telefonieren- "Hoboken 3-2878". Diese Telefonnummer werde ich, weil viel geübt, nie vergessen. "Hello!" Was noch? Ah ja! Money in den Schlitz! 5 cent, 1 Nickel.
Ein Nickel
In Amerika schien alles einen Nickel zu kosten. Ganz Amerika war "vernickelt". "Coca Cola", Subway, Bus, Kaffee, zweite Tasse frei, oder auch satt, alles ein Nickel; bei Kaffee auch kein Wunder. Trotz des schönen Namens "Maxwell" war es dünne Plörre. Kaugummi, ein Nickel; alles kaute, dann klebte es auf der Strasse. An allen möglichen Orten standen "Wurlitzer" juke boxes, auch "nickel odeon" genannt. 5 Cents, ein Nickel, was sonst, und ab ging die Musik: "Rosamunde", die "böhmische Polka", "The donkee serenade" oder: "Roll out the barrell, roll out the barell of beer. Die Kästen machten sogar für sich selbst Reklame: "Put another nickel into the nickel odeon".
Ich versuchte, Tante Lissies telefonischer Wegbeschreibung zu folgen: Zwei Blocks bis zur 42. Strasse, 42.street ferry über den Hudson nach New Jersey, Weehawken Bus.
Mein Schulenglisch war keine grosse Hilfe beim Durchfragen nach der 42. Strasse. Die Strassenschilder waren nicht wie zu Hause "ordentlich" an den Häusern angebracht, sondern an irgendwelchen Pfählen irgendwo an den Strassenecken. Warum überhaupt
Nummern statt Namen? Alles war sehr verwirrend für mich. Wenn ich fragte, wurde ich immer nur zu irdendwelchen Blocks geschickt. An jeder Strassenecke begann ein Block. Als ich es begriffen hatte, merkte ich,wie praktisch diese Einteilung war. Ich fragte wieder:
" Is this the fourty two street?" Antwort: "No, this is the fourty second street". Eine humorvolle Antwort. Da entdeckte ich auch das Schild an einem Laternenpfahl. Fourty second werde ich nie vergessen.
In einem Gebäude schien ein Kino zu sein.Ich hatte lange schon keinen Film mehr gesehen und opferte einen Quarter, 25 cents. Das Publikum johlte. Es wurde geraucht und getrunken, untermalt von Gelächter und Babygeschrei. Aus Riesentüten wurde Pop Corn gefuttert. Mais kannte ich nur als Hühnerfutter. Später lernte ich, dass man ganze Kolben essen konnte; mit Salz und triefend vor Butter.
Von Kinntopp keine Spur.Auf der Bühne wurde herum gehopst. Die Attraktion sollten wohl ein paar spährlich bekleidete Damen sein, die, als wären sie Dekoration, reglos herum standen. Man erklärte mir, dass ich in einem "French Follies" gelandet sei. Es war Einiges erlaubt, es wurde Einiges geboten, aber es war den Damen verboten, sich zu bewegen. Ich hatte mich auf Kino gefreut. Der Quarter tat mir noch lange leid.
In Hoboken fand ich keine Bushaltestelle. Die gab es in New York auch nicht. Man winkte einfach einem heran nahenden Bus. Der Busfahrer sprach Deutsch, wie die meisten Menschen dort. Als ich ihm die Adresse nannte, erwiderte er:" Ick lat di dor rut". Hoboken war fest in deutscher Hand.
Tante Lissies Haus, war ein "boarding house", eine Art Pension mit Verpflegung und Familienanschluss. Sie war eine richtige runde Tante, wie man sie sich vorstellt. Sie freute sich, etwas aus der Heimat zu hören. Insbesondere, mit Tränen in den Augen, die "Nordseewellen" auf dem Grammophon.
Als Erstes aber wurde ich im Bekanntenkreis herum gereicht. Hier lernte ich die gebutterten Maiskolben kennen, traute mich aber nicht, etwas so Fremdes zu probieren. Sieht er verhungert aus? Mein "Lloydbäuchlein" beantwortete die Frage von selbst. Erst später verstand ich den Sinn der Frage. Man lebte gedanklich noch im Amerika der dreissiger Jahre mit sechs Millionen Arbeitslosen. Doch diese Zeit war längst vorüber. 1936 hatte Roosewelt mit Hilfe von Keynes durch den "new deal" die Wirtschaft angekurbelt. Die Rezession war beendet. Alle waren in Lohn und Brot.
Was ich in Deutschland noch nicht kennen gelernt hatte, erlebte ich in Amerika- Judenhass. "Du siehst ja gar nicht verhungert aus. Das ist alles Propaganda der Juden, man sollte nochmal in die 42.Str., die Juden bescheissen und dann zurück nach Deutschland.
Um die Ecke hatten die Millers ihren"Delicatess Store". Es schien , als seien alle diese Läden in New York in deutscher Hand. Hier gab es rund um die Uhr alles, was essbar war. Hatte jemand um Mitternacht Appetit auf ein Chicken Sandwich, dann auf zu Miller.
In deren Sohn Fredy fand ich einen Freund. Er ging noch zur Schule, war Anführer einer Strassengang, die, ich dabei, Hoboken unsicher machte. Mein Name war "fifty eight". Den hatte ich von Vater Miller. "Heinz Soup" gab es in 57 Variationen. Ich war die achtund-fünfzigste.
Vater Miller hatte sich ein Auto gekauft. Um den Stolz und die Bedeutung auszudrücken, hiess es immer:" A 2000 Dollar car". War auch ein stolzer Preis für ein Auto. Zum Einkauf, wir Jungs fuhren mit, ging es durch den Lincoln Tunnel. Wir besuchten eine "Life Poultry". Wieder viel Neues. Die Fahrt durch durch den Tunnel war kostenpflichtig. Sicherlich mehr als ein Nickel. Die Life Poultry war ein großer Schuppen voller Käfige mit Geflügel aller Art. Man suchte sich eine fette Henne aus. Sie wurde geschlachtet und gerupft und lag bald gekocht und zerteilt zwischen Sandwichscheiben in Millers Store.
Alles war neu und spannend für mich. Meine Freizeit in New York verlebte ich jetzt immer bei Tante Lissy und den Millers.
Mittwoch, 11. März 2015
Ahoi! Da bin ich wieder.
Aus gesundheitlichen Gründen konnte ich meinen Bericht nicht fortsetzen. Doch jetzt geht es weiter. Ob ich bis zum Kriegsende 1945 komme,steht altersbedingt in den Sternen geschrieben. Vorab eine kleine Vorschau:
I.
1939 "D.Bremen" Bremerhaven - New York
II.
Bei Kriegsausbruch Blockadebrecher nach Murmansk; per Bahn nach Leningrad,dann mit der "Sierra Cordoba nach Bremerhaven.
III.
"D.Potsdam" Umsiedlung der Baltendeutschen,immer Riga-Gotenhafen hin und her
IV:
"Unitas II", Fängerboot der Walfangflotte; 1939-40 im strengen Winter Freihaltung des Hamburger Hafens und Versorgung der festgefrorenen Schiffe;dann als Lotsenwohnboot bei den Minensperren in der Ostsee - Station Warnemünde und Flensburg; 1940 Abmusterung
V.
"D.Bremerhaven" (Union) in Stettin-Pölitz , Wohnschiff für ca. 1000 polnische Zwangsarbeiter für Aufbau eines Hydrierwerks. Tragische Erlebnisse
VI.
Beförderung zum Matrosen und nach Danzig-Neufahrwasser; "D.Brake" (Union) für den "Seedienst Ostpreussen"
VII.
10.02.43 Verhaftung durch Gestapo Danzig; Lagerhaft bis 10.02.45
VIII.
03.03.45 "D.Benue" und "D. Mungo" der Woermannlinie; für den "Endsieg" noch auf der Unterelbe, unter Feindeinwirkung Übersetzung von Truppen der Westfront zum Kampf gegen die Russen
IX.
Kapitulation 08.05.45 ; im Juli nach Helgoland, um die letzten ca. 2000 Soldaten ab zu holen; Schiff wird abgeliefert in Firth of Forth; Rückreise als Passagier auf der "Ubena" (Woermann Linie)
In Hamburg Entnazifizierung; Ende der Seefahrt
Dienstag, 10. Juni 2014
New York - That city, that doesn't sleep!
Vor New York passierten wir die Neufundland Bänke, das Nantucket Fireship, dann in den Hudson, an der Freiheitsstatue und dem Battery Park vorbei, zum Pier 86, dem Lloyd Pier.
Neben uns die Piers von Frankreich mit der Normandie, von Italien mit der Rex und die Briten mit der Queen.
Deck waschen nicht mehr nötig, Eisberge seltener, keine Temperaturmessungen mehr.
Warum heißen Eisberge auf englisch Iceberge und nicht Icehills oder -mountains?
Auf letzter 0-4 Wache können wir für unsere Passagiere noch einiges tun. Das Gepäck sorgsam für den Landgang vorbereiten. Mit dem Fahrstuhl aus der achtersten Luke ins Oberdeck, genannt "Cocktail-Shaker". Ein Deck über den vier Schrauben (Propellern) deren Wucht alles zum Zittern bringt. Wenn Wände und Decken "flattern" ist der Krach entsprechend.
Ende der Seereise, alle Passagiere gingen von Bord.
Unsere Passagiere waren in der ganzen Welt zu Hause, dass sah man an den damals üblichen Hotelaufklebern an den riesigen Schrankkoffern.
Anfang Sommer 1939 fiel der Mannschaft so einiges auf. An der Menge der Koffer sah man, dass auf der Route Bremerhaven-New York noch alles wie immer war. In die andere Richtung wurden die Koffer und somit Passagiere immer weniger.
Die Wache war die Zeit für Gespräche. Ich hörte zum Beispiel: "Jetzt haben sie schon die koschere Küche geschlossen." Ich wusste gar nicht was das war.
Durch die längere Abwesenheit, durch die Südamerikareise, war es an der Pier lebhaft. Viele von der Mannschaft hatten Freunde/Verwandte in New York. Auch die Polizei wartete schon sehnsüchtig. An der Pier immer ein halbes Dutzend "Harleys", das Fortbewegungsmittel der US Polizei. Die "Policemen" belagerten unsere Mannschaftsbar. Alle sprachen deutsch, die Hälfte der New Yorker Polizei sollte angeblich Deutsche sein, der Rest Iren. Sie kamen um mal wieder echten deutschen "Gerstensaft" zu genießen. Die Mannschaftsbar war dann fest in Händen der New Yorker Polizei. Bier gab es ja aber nur gegen Biermarken. Besatzungsmitglieder versorgten die Polizisten mit ihren nicht genutzten Biermarken, die sie gegen harte Dollars tauschten und erhöhten damit ihre Devisenkasse.
Der Hintergrund für unseren ständigen Geldmangel in der jeweiligen Landeswährung lag in der damals knappen deutschen Devisenwirtschaft. Es wurden im Monat nur 10 Reichsmark pro Person in Dollar ausgegeben. Das waren ca. 4 Dollar. Devisen waren knapp in Deutschland. Der "Führer" sagte: "Es gibt zuviele Devisenschieber."
Wie schiebt man Devisen? Hatte das vielleicht auch etwas zu tun mit dem Gold, was wir auf einer Reise in Southhampton übernahmen? Kilobarren von Hand zu Hand in langer Kette bis in den Safe.
Irgendjemand meinte: "Ich werde meine Hände nie wieder waschen!"
Es hieß: "Schiffe vom Norddeutschen Lloyd sind auch für Goldtransporte die sichersten Schiffe." Mussten die Engländer etwa noch Schulden aus dem 1. Weltkrieg an die Amerikaner tilgen?
Als alle Arbeiten erledigt waren ging es, endlich an Land. Meine ganz persönliche Inbesitznahme von New York fing wieder mit der Nase an. Ich konnte meine Geruchssammlung von Häfen um einen erweitern.
New York ein Naturwunder. Dazu gehörte auch das ich immer munter und mopsfidel war in New York. Es waren wohl die neuen Eindrücke und das spannende Geschehen dieser Stadt, die mich nicht ermüden ließen.
Einen Umstand den ich ausnützte, um New York zu erkunden. Hier hatte ich auch Zeit, denn es fiel wenig Arbeit für die Decksbesatzung an, es war die Gelegenheit Überstunden abzubauen und somit hatte viel Freizeit zur Verfügung.
Ich verliebte mich in New York, es war alles so neu.
Indianer erwartete ich nicht, die hatte man, so hatten wir in der Schule gelernt ausgerottet. Das gab es in Deutschland nicht. Die Hereros, die Hottentotten, das war weit weg, das zählte für mich nicht mehr. Und das die Zukunft viel Schlimmeres bringen würde wusste man noch nicht.
In New York sah ich meinen ersten Neger. Auf den Straßen, in der Menge fiel mir keiner auf. Es lag aber daran das etliche Stadtteile zu der Zeit noch "weiß" waren.
In der U-Bahn saß mir dann ein dicker schwarzer Mann gegenüber. Heute kann ich nicht mehr sagen, ob es damals gemischte Abteile gab und ich in einem "falschen" Abteil gelandet war. Glücklicherweise fiel ihm aber mein unverhohlenes Interesse an ihm nicht auf.
Aber wo waren die vielen Cowboys? Im Centralpark gab es Polizisten auf Pferden. Hatte man das in Bremerhaven schon gesehen. Alles war anders.
Der Centralpark war für mich beängstigend groß und ich habe mich dort einige Male verlaufen.
Noch ein paar Bilder:
Neben uns die Piers von Frankreich mit der Normandie, von Italien mit der Rex und die Briten mit der Queen.
Deck waschen nicht mehr nötig, Eisberge seltener, keine Temperaturmessungen mehr.
Warum heißen Eisberge auf englisch Iceberge und nicht Icehills oder -mountains?
Auf letzter 0-4 Wache können wir für unsere Passagiere noch einiges tun. Das Gepäck sorgsam für den Landgang vorbereiten. Mit dem Fahrstuhl aus der achtersten Luke ins Oberdeck, genannt "Cocktail-Shaker". Ein Deck über den vier Schrauben (Propellern) deren Wucht alles zum Zittern bringt. Wenn Wände und Decken "flattern" ist der Krach entsprechend.
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| Aus "Die Bremen kehrt heim" Hanns Tschira. |
Ende der Seereise, alle Passagiere gingen von Bord.
Unsere Passagiere waren in der ganzen Welt zu Hause, dass sah man an den damals üblichen Hotelaufklebern an den riesigen Schrankkoffern.
Anfang Sommer 1939 fiel der Mannschaft so einiges auf. An der Menge der Koffer sah man, dass auf der Route Bremerhaven-New York noch alles wie immer war. In die andere Richtung wurden die Koffer und somit Passagiere immer weniger.
Die Wache war die Zeit für Gespräche. Ich hörte zum Beispiel: "Jetzt haben sie schon die koschere Küche geschlossen." Ich wusste gar nicht was das war.
Durch die längere Abwesenheit, durch die Südamerikareise, war es an der Pier lebhaft. Viele von der Mannschaft hatten Freunde/Verwandte in New York. Auch die Polizei wartete schon sehnsüchtig. An der Pier immer ein halbes Dutzend "Harleys", das Fortbewegungsmittel der US Polizei. Die "Policemen" belagerten unsere Mannschaftsbar. Alle sprachen deutsch, die Hälfte der New Yorker Polizei sollte angeblich Deutsche sein, der Rest Iren. Sie kamen um mal wieder echten deutschen "Gerstensaft" zu genießen. Die Mannschaftsbar war dann fest in Händen der New Yorker Polizei. Bier gab es ja aber nur gegen Biermarken. Besatzungsmitglieder versorgten die Polizisten mit ihren nicht genutzten Biermarken, die sie gegen harte Dollars tauschten und erhöhten damit ihre Devisenkasse.
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| Aus "Die Siegesfahrt der Bremen" Adolf Ahrens |
Der Hintergrund für unseren ständigen Geldmangel in der jeweiligen Landeswährung lag in der damals knappen deutschen Devisenwirtschaft. Es wurden im Monat nur 10 Reichsmark pro Person in Dollar ausgegeben. Das waren ca. 4 Dollar. Devisen waren knapp in Deutschland. Der "Führer" sagte: "Es gibt zuviele Devisenschieber."
Wie schiebt man Devisen? Hatte das vielleicht auch etwas zu tun mit dem Gold, was wir auf einer Reise in Southhampton übernahmen? Kilobarren von Hand zu Hand in langer Kette bis in den Safe.
Irgendjemand meinte: "Ich werde meine Hände nie wieder waschen!"
Es hieß: "Schiffe vom Norddeutschen Lloyd sind auch für Goldtransporte die sichersten Schiffe." Mussten die Engländer etwa noch Schulden aus dem 1. Weltkrieg an die Amerikaner tilgen?
Als alle Arbeiten erledigt waren ging es, endlich an Land. Meine ganz persönliche Inbesitznahme von New York fing wieder mit der Nase an. Ich konnte meine Geruchssammlung von Häfen um einen erweitern.
New York ein Naturwunder. Dazu gehörte auch das ich immer munter und mopsfidel war in New York. Es waren wohl die neuen Eindrücke und das spannende Geschehen dieser Stadt, die mich nicht ermüden ließen.
Einen Umstand den ich ausnützte, um New York zu erkunden. Hier hatte ich auch Zeit, denn es fiel wenig Arbeit für die Decksbesatzung an, es war die Gelegenheit Überstunden abzubauen und somit hatte viel Freizeit zur Verfügung.
Ich verliebte mich in New York, es war alles so neu.
Indianer erwartete ich nicht, die hatte man, so hatten wir in der Schule gelernt ausgerottet. Das gab es in Deutschland nicht. Die Hereros, die Hottentotten, das war weit weg, das zählte für mich nicht mehr. Und das die Zukunft viel Schlimmeres bringen würde wusste man noch nicht.
In New York sah ich meinen ersten Neger. Auf den Straßen, in der Menge fiel mir keiner auf. Es lag aber daran das etliche Stadtteile zu der Zeit noch "weiß" waren.
In der U-Bahn saß mir dann ein dicker schwarzer Mann gegenüber. Heute kann ich nicht mehr sagen, ob es damals gemischte Abteile gab und ich in einem "falschen" Abteil gelandet war. Glücklicherweise fiel ihm aber mein unverhohlenes Interesse an ihm nicht auf.
Aber wo waren die vielen Cowboys? Im Centralpark gab es Polizisten auf Pferden. Hatte man das in Bremerhaven schon gesehen. Alles war anders.
Der Centralpark war für mich beängstigend groß und ich habe mich dort einige Male verlaufen.
Noch ein paar Bilder:
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| PK Bremerhaven-New York mit der Bremen |
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| Aus "Die Siegesfahrt der Bremen" Adolf Ahrens |
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| Aus NZ 21.2.2007 |
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| Hier noch ein Bild von dem Tender in Southhampton |
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