Sonntag, 21. Juli 2013

Letzte Friedensweihnacht.

 


Mit der Reichsbahn auf Kurs Nord. Sie sprengte alle Regeln und Vorschriften. Wir hielten an Bedarfshaltestellen. Kisten mit Wein und Körbe mit Früchten wurden ausgeladen, die Kumpels wurden mit großem Hallo verabschiedet. Letzter Stopp vor Bremerhaven Ritterhude, dann Heimatluft.

Weihnachten 1938 war, was zu dem Zeitpunkt keiner ahnte, die letzte Friedensweihnacht. Und für uns auch die letzte Weihnacht mit der gesamten Familie.
Nach den Festtagen, die etwas Abwechslung gebracht hatten, wurde Bremerhaven für mich langweilig. Die Freunde von früher waren für mich, als bereits "gestandenem" Seemann, noch Kinder. Wir waren uns fremd geworden.
Ich fühlte mich bereits als gereifter, weitgereister Mann und nicht mehr als der Jüngling der früheren Jahre.
Herbert ein Fischdampfermatrose, ein paar Jahre älter als ich, hatte etwas, was ich nicht hatte: "Geld", denn "Kommt der Seemann aus dem Mittelmeer, hat er keine Mittel mehr."
Wir fuhren mit dem Taxi ins Nachtleben. Am Theaterplatz "Rote Mühle", in der Fährstrasse "Clou" und in der Bürger "Scala".

In Bremerhaven, Entschuldigung Wesermünde hieß es ja, war was los.
Die strengen Kontrollen, auch von der Hitler-Jugend-Streife, ob jugendliche Nachtbummler unterwegs waren, gingen immer an mir vorüber. Erstens sah ich älter aus und zweitens war ich elegant gekleidet. Behütet mit einem Homburger oder dem echten Borsalino aus Italien und den neuen italienischen Schuhe, sowie meiner Größe, mit 14 war ich schon 1,76, was groß war damals, ging ich immer als erwachsen durch.

Silvester noch im trauten Familienkreis, die Eltern waren wieder aus Kiel rüber gekommen. Vater war bei der 7. U-Boot Flottille gelandet.

Für mich wurde es Zeit wieder festen Boden, das heißt Decksplanken unter die Füße zu bekommen.

Selbst an den Wesermünder Heimatduft, speziell von Wilhelms Fischmehlfabrik, hatte ich mich schon wieder gewöhnt. Wenn ich seinerzeit einmal länger abwesend war, am Bahnhof ankam, Luft holte, wusste ich Heimat. Nach ein paar Tagen hatte die Nase sich daran gewöhnt. Es war der Duft, der Arbeit. Der Fischereihafen und der Norddeutsche Lloyd waren die größten Arbeitgeber.
Die Menschen in Wesermünde empfanden, was da von Fischmehlfabriken ausdünstete, nicht als Gestank, es war Arbeit, es war Leben. Bei Westwind, der meist wehte, lag eine Dunstglocke über der Stadt. Man wusste, dass ein wertvoller Rohstoff des täglichen Lebens produziert wurde. Herstellung von Margarine, aber auch als Rohstoff für Lippenstifte. Es hielt mich allerdings nicht vom Küssen ab.

Aktuell

20.07.1944 Tag des Widerstands

Wie gestern 2013 ein herrlicher Sommertag. Mich "Bösen" hatten die Nazis ins Lager verfrachtet. Abends ertönte das Klingelsignal mit dem Schlüssel des Nachtwächters am Gitter. Der Saalälteste ging und kam zurück: "Es wurde ein Attentat auf Adolf Hitler verübt, aber er hat überlebt." Die Enttäuschung war grenzenlos.

20.07.1984


wie gestern ein herrlicher Sommertag. Wir saßen unter dem alten Apfelbaum. An dem Tag des Widerstands kam auch mein persönlicher Tag des Widerstands, ich rauchte meine letzte Zigarette.

Vor einiger Zeit wurde in einer Dokumentation über das Attentat auf Hitler berichtet. Die 10 cm dicke Eichenplatte des Tisches hatte die Wirkung der Bombe abgeschwächt und war somit Hitlers Rettung. Mit einem Tisch von Ikea hätten allein die Imbusschrauben ihre Wirkung getan.

Samstag, 13. Juli 2013

Noch immer Bella Italia

Dieses und Jenes

 

Ein Erlebnis in Palermo

Ich sollte einem Kollegen helfen, den guten Freilagertabak -Blackstar- in holländischer Güte, am Körper versteckt an Land bringen.
Wir beide gingen, den Tabak unter der Jacke verstaut, an Land. Nach einigen hundert Metern, noch an der Pier, kommt uns einer vom Zoll entgegen. Mein Herz, sprichwörtlich in der Hose, Angst machte sich breit, ich wollte zurück. "Bleib!" Sagte meine Kumpel. "Auf den warten wir doch!"
Ich hatte kein Unrechtsbewusstsein, aber in Zukunft weniger Respekt vor der Obrigkeit.

Wieder in Venedig


Als wir wieder einmal Venedig ansteuerten wurde ein hoher Besuch gemeldet. Robert Ley, der Chef persönlich wollte mal nach dem Rechten sehen. Schwerarbeit für die Deckscrew. Es hieß erneut: "Pönen mit allen Pinseln".
Seewasser soll gesund sein, ein Schiff jedoch leidet. Rost, Algen, auch Pocken, Seepocken, die aber nicht ansteckend, jedoch schwer loszuwerden sind. Mit welcher Seite gehen wir an die Pier? Steuerbord! Die ganze Pinselaktion nur an der Steuerbordseite. All Hands on deck. Farbe Außenbords!
Läßt man beim englischen "paint" das t weg kommt man zu "pain" auf deutsch: Schmerz. Den hatte der Bootsmann mit unserem alten Kahn, den er so kurz vor Venedig zumindest an einer Seite, der Land zugewandten, auf Hochglanz bringen lassen mußte.

Der Kabelgattsteward, der aber kein Steward ist, sondern ein Matrose, hatte alle Hände voll zu tun. Er, der das Kabelgatt unter sich hatte, musste für den Nachschub an Farbe und sonstiges Gedöns für die Verschönerung sorgen.
Ich merke an: Ein Kabelgatt ist das, was man an Land ein Lager nennen würde. Neben dieser Funktion hatte er noch eine besondere Aufgabe. Er war an Bord das, was man an Land einen "politischen Kreisleiter" nennen würde. Für diesen Zweck hatte er eine schöne braune Uniform, die er bei besonderen Anlässen gegen seine Matrosenkluft eintauschte. Was immer ein Anlass war, sich zu besaufen. Anders kannten wir ihn nicht.
Beim Besuch von Robert Ley musste er sowieso den Saufkumpanen spielen. Öfters ging er auch uniformgeschmückt an Land. Er besuchte dann seine Kollegen von der  italienischen Fakultät, die Faschisten. Öfter auch den "Verein der Auslandsdeutschen" die seltsamerweise die größten Bewunderer von Adolf Hitler waren. Ein Spruch unter Seeleuten: "Gott schütze uns vor Sturm und Wind und allen Deutschen, die im Ausland sind."
Wir nahmen unseren Kabelgattsteward in seiner braunen Eigenschaft nicht ernst. Man hatte aber ein gesundes Misstrauen. In seiner Gegenwart wurde das Schweigen immer lauter. Ich begriff das alles erst viel später.

Jedenfalls strahlte unser alter Kahn, wenn auch nur einseitig, dem hohen Besuch entgegen.

Ein Bootsmann flucht immer, meistens unbegründet. Diesmal zurecht.
Hatten doch die da oben, die gottähnlichen auf der Brücke sich jetzt entschlossen, anstatt mit der Steuerbordseite, mit der Backbordseite anzulegen. Unsere schön aufgefrischte Steuerbordseite sah Robert Ley nun gar nicht.

Mit Robert Ley an Bord, kam immer Hektik auf. Alles zum Zahlmeisterbüro. Lange Schlange mit Fragezeichen. Gibt es von Robert Biermarken, oder vielleicht einen Orden für tapfere "Kraft-durch-Freude- Fahrer". Nichts dergleichen. Mit einer Unterschrift wurden wir Mitglieder der "Nationalsozialistischen Deutschen Arbeitsfront". Ein Mitgliedsbuch mit einem Zahnrad, wohl ein Zeichen für Arbeit, gab es dazu, aber keine Biermarken. Jetzt konnte Robert Ley wohl Vollzug an den Führer melden: "Die Mannschaft vom KDF Schiff "Der Deutsche" trat geschlossen der Arbeitsfront bei." Folgen hatte das keine. Es geriet in Vergessenheit. Sogar bei der Entnazifizierung durch die Engländer 1945 in Hamburg habe ich nicht daran gedacht, dass zu erwähnen. Auch das hatte keine Folgen.

Die Hälfte der Wintersaison mit "Kraft durch Freude" in Italien 1938/39 lag hinter uns. Das Weihnachtsfest 1938 nahte. Der billige Chianti in den Korbflaschen gehörte der Vergangenheit an. Die meisten kehrten zum Urgetränk der Deutschen, dem Bier zurück, es sei denn, man kannte die besseren Weine. Ich denke an den "La Crima Christi", den Wein von den Hängen des Vesuvs. Oder die feinen Liköre. Bananen, Apfelsinen und so weiter. Hier waren die Italiener Weltmeister. Beliebt war der Absinth mit dem Wermutzweig in der Flasche.
Hans G. einer von uns Jungs, ein Tiroler, sammelte die leeren Flaschen, um an den verzuckerten Wermutzweig zu kommen. Süßes Gift, er war voll Alkohol. Hans wurde mit Blaulicht ins Krankenhaus gefahren. Wir sahen ihn nie wieder. Er fühlte sich in seiner Heimat, den Bergen in Tirol wohl besser aufgehoben, als bei der christlichen Seefahrt.

Bei den Heizern in der Maschine gab es, wie bei uns an Deck, die Heizerjungs. Sie begannen ihre Laufbahn zum Heizer, zum Oberheizer als Kohlenzieher. Ihre Aufgabe: Kohlen aus den Bunkern mit Schiebkarren schnell zum Heizraum, zu den Heizern zu bringen. Eine elende Plackerei, besonders in den Tropen. Bei diesen Jungen gab es einen blonden, einen semmelblonden, wenn der aus dem Heizraum kam, sah man nicht viel davon. Aber an Land gab es immer einen kleinen Aufruhr. Die italienische Weiblichkeit war verrückt danach seine Haare zu streicheln. Vielfach nur die alten, dicken Mammis. Es hieß aber: "Er hat Schlag bei den Weibern!" Hoffentlich auch bei den Jüngeren. Dieses Erlebnis beschränkte sich im Wesentlichen auf Süditalien.
Im Norden gab es ebenfalls etliche Blonde, auch Rothaarige Italiener. Sie sind, wie wir in der Schule lernten, ein Überbleibsel der Goten, der nordischen Rasse der Germanen.

Das Grab in Busento:
                                                       "...ziehen die Schatten
                                                        Tapferer Goten
                                                        Die den Alerich beweinen
                                                        Ihres Volkes besten Toten..."

Das war die Weisheit meiner Schulzeit.
                                                     
                                                        Völker sterben,
                                                        Sippen sterben.
                                                        Du selbst stirbst wie sie.
                                                        Nur eins bleibt ewig
                                                        Der Toten Taten Ruhm.

Die "Edda" war die Bibel der neuen Zeit.

Von "Goethe", der auch ein Italienreisender war, erfuhr ich erst hier in Italien von einer italienischen Familie. Ich hatte inzwischen eine Freundin und damit Familienanschluss. Dazu später mehr.

Die seemännische Ausbildung ging schon über ins Pauken. Kompass, auch schon mal durch den Sechstanten gucken, ein ewiger Spruch für angehende Kapitäne: Der kürzeste Weg auf der Erde (und natürlich auch auf dem Wasser) ist der Bogen, des durch ihn gelegten Kreises.
Nichts mit Geradeausfahren und auch nichts mit Bergauffahrt oder Abwärtsfahrt bei Kurs Süd oder Nord.

Das obligatorische Bootsmanöver, das am ersten Tag nach Auslaufen, mit allen Passagieren stattfand, war auch zur Routine verkommen. Ich drückte mich, wenn möglich, um das "Vergnügen", dem Volk beim Anlegen der Schwimmwesten behilflich zu sein. Manche hatten noch immer, besonders bei den weiblichen Passagieren ihre Freude daran. Das für den Ernstfall hoffentlich niemals zu erlebende Ereignis, war für die Passagiere immer eine Gaudi. Vom Reiseleiter über Lautsprecher mit anfeuernden Rufen wurde jedes Mal ein neuer Schnelligkeitsrekord aufgestellt. Man konnte es schon nicht mehr hören.

Weihnachtsurlaub stand vor der Tür. Von Venedig, mit Sonderzug der Reichsbahn Richtung Heimat, Endstation Bremerhaven. Bis auf eine Stallwache sollte die ganze Mannschaft auf die Reise. Ich hätte gerne auf die Heimfahrt verzichtet und mit jemandem getauscht, auf den zu Hause eine Familie wartete. Die Familie meiner Freundin lud mich nämlich ein, zu Weihnachten ihr Gast zu sein.
Ich bin davon überzeugt, dass ich jemandem damit eine Freude bereitet hätte. Nur es gab einen nicht erklärlicher Zwang durch die Obrigkeit. Es wurde gehorcht und das nicht nur von uns Jugendlichen.
Ich wagte es nicht, meine Bitte zum Bleiben vorzutragen. Es war eine Zeit der Disziplin, oft auch falscher.
In der Familie meiner Freundin erlebte ich eine andere Welt.

Abfahrt des Weihnachtszuges von Venedig. Vom Zoll unkontrolliert ein wahrer Schmugglerzug. Körbe mit Apfelsinen, zentnerweise, Kisten mit Wein und vieles Mehr füllten jede freie Ecke. Ein süßer Duft von Apfelsinen wehte durch die Reichsbahn. Die  Schaffner meinten: Den Duft kriegen wir nie mehr raus, es wird der "Italienexpress" bleiben. Apfelsinen und manche Flasche Wein war ein extra für das Bahnpersonal. Apfelsinen mit Blättern dran, so wurden sie in Italien geerntet, war etwas Neues, kannte man zu Hause nicht und war ein Zeichen, dass Apfelsinen auf Bäumen wachsen. In den Abteilen stieg die Fröhlichkeit mit der Anzahl der leeren  Flaschen.

Auffällig in den Abteilen waren die Hüte. Standard, wie genormt, die italienischen so preiswerten Borsolino-Hüte. Es war die Zeit, man ging nicht ohne Hut. Nach der Strohhutzeit folgten die vornehmen "Homburger" oder man trug "Landschaftsmalerhüte" á la Herrmann Löns, dem Heidedichter. Auch die amerikanischen á la Humphrey Bogart traf man in Bremerhaven an. Man erkannte nach Jahren noch die italienischen KDF Fahrer an ihren Hüten. Wenn nicht der Stahlhelm die neue Mode wurde.

Über den Brenner, auf dieser Seiter hieß er noch Brennero, ging es in den nordischen südlichen Winter. War es nun schon ein deutscher oder ein österreichischer Winter? Die Meinungen im Abteil gingen durcheinander. Hieß doch Österreich jetzt "Ostmark" und ist so deutsch wie unser Führer Adolf Hitler. Es ist seine Heimat. Gebetsmühle in der Schule: Adolf Hitler, 20. April 1889 zu Braunau am Inn. "Eine Meinung: Braunau soll der Schlüssel der braunen Uniformen sein.
Der Name "Schicklgruber" fiel. Mit dem konnte ich nichts anfangen. Darüber war im Schulunterricht nichts gelehrt worden.. Jedenfalls hieß es: "Heil Hitler" und nicht "Heil Schicklgruber". Für mich war in diesem Land Österreich oder Ostmark im Gegensatz zu Bremerhaven nichts deutsches zu entdecken.

Innsbruck, der Zwischenstopp fürs Mittagessen im Gasthaus "Brennnoisl", deutsch Brennnessel. Aus Innsbruck ist nicht viel nennenswertes zu berichten. Die hohen Berge und im Tal ein Lokal mit einem seltsamen Namen und wunderlichen Kartoffeln, die nichts mit dem zu tun hatten, was ich als Kartoffel kannte. Es geht nichts über eine Kartoffel aus norddeutschem Boden.


Venedig von Egbert Patzig




Aktuell aus dem Archiv




Donnerstag, 11. Juli 2013

Bella Italia Venedig

1. Ankunft in Venedig


Voraus kam ein überwältigendes Panorama in Sicht. Die Insel in der Lagune, darunter Murano, die Glasbläserinsel. Lido, der schönste Strand der Welt. Alles wurde auf späteren Reisen besucht.


Ich hatte hier ein Aha-Erlebnis. Ein bekanntes Lied hatte ich bisher so verstanden: "Wenn ich wüsst', wer mich geküsst um Mitternacht am Friedhof...", hier kam mir dann die Eingebung: "....um Mitternacht am Lido."
Wer kannte in Deutschland schon den Lido. Italien eine Bildungsreise.

Bevor die Passagiere nach vierzehn Tagen Seefahrt um den Stiefel per Bahn Richtung Heimat fuhren, wurde noch das reichhaltige Besuchsprogramm Venedig absolviert. Ein ganz wichtiger Punkt: Tauben füttern auf dem Markusplatz.

Braungebrannt kamen die Volksgenossen aus dem sonnigen Italien ins winterliche Germanien zurück und kündeten von den Wohltaten des Dritten Reiches, dass allerdings nur noch sechs Jahre Restlaufzeit hatte.
Endlich Ruhe im Schiff. "Daddeldu", der Ruf des Bootsmann für Feierabend, klingt nach Ringelnatz, der sich auch Kuddel Daddeldu nannte. Wieder aus dem Englischen: That will done, soviel wie das ist erledigt.

Ringelnatz, bürgerlich Bötticher, war auch, wie ich, einmal Moses die der christlichen Seefahrt. Im ersten großen Orlog, 1914/18 wurde er Leutnant der kaiserlichen Marine und stolzer Kommandant eines Schleppers bei den Minensuchern in Cuxhaven.

Für uns Decksbesatzung war jetzt, im Gegensatz zur Seewache, Tageswache angesagt. Auf See war es ein Dreiwachensystem, 4 Stunden Wache acht Stunden frei. Es sei denn es hieß: "All Hands on deck." Zum Beispiel bei einem Einlaufen in einen Hafen.
Die vier Stunden der Wache waren in acht Glasen eingeteilt. In alter Zeit gab es Sanduhren mit einer Halbstunden Einteilung. Jede halbe Stunde mußte sie gedreht werden und dieses mit einem Schlag der Schiffsglocke angezeigt werden. Vier Stunden bedeutete: acht Schläge, Ende der Wache, Daddeldu.
Die Tageswachen waren beliebt, man konnte nachts durchschlafen oder das Nachtleben von Venedig genießen.

Nicht so einfach. In Venedig gibt es keine Straßen, wie oft habe ich mich verlaufen. Fragen war nicht so leicht, man fand wenig Italiener, dafür nur Touristen aus aller Welt.
Traf man dann auf einen Einheimischen, fragten wir: "Porto" für Hafen und "Grande vapore de dopolo tedesca", so klang es wenigstens. "Großer Dampfer des deutschen Volkes", was genau darunter verstanden wurde ging unter in babylonischer Sprachverwirrung, aber es half den Weg zurück zu finden.

Brücken, Kanäle , Inselchen. In Hamburg gibt es Fleete, in Amsterdam Grachten, damit hört aber jeder Vergleich mit Venedig auf.

Das Transportmittel, Gondeln für wirklich alles was sich transportieren läßt. Von der Hochzeitsgesellschaft, über den Gemüsehändler bis zum Tod oder sonstiger Entsorgung. Am Heck vom Schiff lag eine Gondel für den täglichen Abfall. Durch einen Schlauch aus Segeltuch mit einem Durchmesser von ca. 1 Meter, endete jeglicher Abfall, der an Bord anfiel, in der Gondel.
Einige Italiener mit Booten versuchten noch Brauchbares in der Abfallgondel zu finden, Zigarettenkippen oder es wurde ein Keks im Lagunenwasser abgespült und an Ort und Stelle verzehrt.

Für uns Seeleute, die unsere kostbare Zeit des Landgangs voll nutzen wollten, waren die Gondeln zu langsam. Wir nahmen die "Vaporetto espresso", die kleinen schnellen Motorboote oder Fähren.

Wenn ich von meiner Hafengerüchesammlung berichten soll, dann dass Venedig stinkt. Viele tote Katzen schwimmen jetzt mit ihren Feinden der Lebenszeit, den Ratten und Tauben, friedlich gemeinsam in den Kanälen. Trotzdem, es nimmt nichts von dem Charme Venedigs, an allem nagte der Zahn der Zeit, dekadent vermodert. Wenn es anders wäre, wäre es nicht Venedig.

Wir, die unter 18jährigen hatten Landgang bis 22 Uhr. Bis dahin mussten alle kleinen und großen Sünden erledigt werden.

Wie konnte man sich in Venedig durch Gassen und über Brücken herrlich verlaufen. Wenn es heißt, das alle Wege nach Rom führen, dann führen in Venedig alles Gassen zum Markusplatz, dem Platz der Touristen und Tauben. Für letztere die beste Nahrungsquelle. Taubenfutter, man kaufte es an Ort und Stelle von unzähligen Händlern, streuten sich die Touristen auf die Köpfe, was für ein Schnappschuss für die Daheimgebliebenen. So gab es nicht nur bekloppte, behämmerte, sondern auch bepickte Köpfe. Die Tauben hatten es von Generationen ererbt und gaben es an die nächste weiter.

Die Ereignisse der großen Welt fanden hier nicht statt, Deutsche Zeitungen gab es nicht oder falls wir lasen keine. Radio gab es nur in der Messe und dort nur Musik oder Reden des Führers. "Der Führer spricht!", ab in die Messe, ich schlief oft ein.

In Venedig legte ich den Grundstein für meine Briefmarkensammlung. In der Post: "Francobolli sortimento", einiges italienisches Sprachgut hatte ich schon drauf. Gemischte Briefmarken wollte ich und es wurde verstanden. Lustig, die Postboten liefen in Uniformen herum, wie Generäle in einer Operette.

Das waren die Eindrücke von meiner ersten Italienumrundung.

Fließende Gedanken

zur Jahrhundertflut

Bereits 2002, als das Jahrhundert gerade zwei Jahre alt war, hatten wir schon die Jahrhundertflut. Jetzt elf Jahre später haben wir wieder die Jahrhundertflut, weil noch gewaltiger als 2002. Wasser, im wahrsten Sinne des Wortes, auf den Mühlen der Klimafuzzis. Schäden wachsen ins "Uferlose".
In alter Zeit ließ man dem Wasser noch mehr Auslauf, heute will jeder am Wasser bauen oder die Flächen nutzen.
Auch Bremerhaven hatte 1962 seine Jahrhundertflut. Es war kein Regen, keine Schneeschmelze, es war der "Blanke Hans", der mit einem Nord-West-Sturm gegen die Deiche drückte. Nichts Neues, hatten wir schon öfters. Auf einem alten Gedenkstein in Wursten sind die Ofer einer Flut verewigt: 17 Bauern, 20 Stück Vieh und ein Geestkerl.

1962 schlief ich bei Freunden in Wesernähe. Der Sturm heulte ums Haus und war nachts zwei Uhr plötzlich vorbei. In der Zeitung stand am nächsten Tag: Glücklicherweise für Bremerhaven drehte nachts der Sturm auf östliche Richtung und traf damit auf Schleswig Holstein.
Ansonsten wäre es für Bremerhaven schlimmer ausgegangen. Ich hatte den Katastrophensturm verschlafen. Morgens sahen wir die Bescherung, Deichbrüche und der Deich war übersät mit allerlei Gedöns. Auch die Jagdhütte meiner Freunde, deren Platz bisher auf einer vorgelagerten Insel in der Weser stand, lag ziemlich unbeschädigt auf der Deichkrone. Es geht eben nichts über Qualität, selbst das Kaffeegeschirr hatte es überstanden. Bremerhaven kam glimpflich davon.
Die US-Army war mit schwerem Gerät da und das Wichtigste, Bremerhaven war durch ein kürzlich errichtetes Sperrwerk gesichert.

Dieses Sperrwerk war gegen alle Wiederstände von dem in der SPD Hochburg Bremerhaven regierenden Bürgermeister Hermann Gullasch verwirklicht worden. Dieser Bürgermeister war ein SPD Mann, der jedoch nicht von der SPD, sondern von der CDU und der restlichen Opposition, zum Bürgermeister gewählt worden war.

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-44416077.html

Es hieß dann auch hinter vorgehaltener Hand Hermann hat Bremerhaven gerettet.
Der Witz in dieser Sache: Bis heute erinnert kein Platz, kein Straßenname in Bremerhaven an Hermann Gullasch. Kürzlich suchte man mit Bürgerbeteiligung einen Namen für ein Areal in Stadt.
Meine Empfehlung mit einem Leserbrief an die örtliche Zeitung:"Hermann-Gullasch-Platz" und das geplante Lokal könnte sich Gullasch Kanone nennen.
Mein Leserbrief wurde nicht veröffentlicht und es gab auch keine Rückmeldung zu meinem Namensvorschlag. Auf meine Rückfrage bei der Zeitung hieß es, das ist nicht von allgemeinem Interesse.
Bremerhaven ist noch immer SPD Hochburg und so wird der "Retter" wohl noch ewig auf eine Würdigung warten müssen.
Anmerkung nebenbei nur vom Hörensagen bekannt:
Der Weg zur Schiffdorfer Stauschleuse wird seit langem im Volksmund "Gullasch-Schinkenbrot-Straße" genannt. Weil Hermann Gullasch angeblich dort gerne in die Restauration zum Schinkenbrot essen ging, und diesen ehemaligen Feldweg auch mit Kopfsteinpflaster versehen ließ.

Hier noch ein Link:

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-41120832.html

Dienstag, 11. Juni 2013

Bella Italia Teil 2

Kurs Süd und wieder Nord


Kurs Süd lag an. Navigare necesse est. "Schiffen ist notwendig."
Navigation besagt, dass man trotzdem ankommt. Neapel -Napoli- in Sicht. Neue Gerüche, mediterane, trotz Herbst milde warme Luft, sonnig warm. Sogar die Geräusche südlich fremd, laut aber nicht störend.
Die Bucht von Neapel empfing uns, der Vesuv war Wolken verhangen. Später erfuhren wir, dass an seinen Hängen ein vorzügliches Tröpfchen wächst. La Crima Christi, die Tränen Christis. Profaner: "Engelchen pissen einem auf die Zunge".

Alles ging seinen gewohnten Gang. Für den Ausflug der Passagiere nach Ischia, der Inselschwester von Capri, wurde von der ganzen Küchencrew Butterbrote geschmiert. Alles im Zuge der Devisenknappheit.
Neapel erleben, einmal sehen und sterben, vorher aber noch einmal wiederkommen. Dafür muss man eine Münze in einen der vielen Brunnen werfen. Das gleiche in Rom und wo noch? Schlau von diesen Italienern, dass wäre auch etwas für Bremerhaven. Man könnte damit das Taschengeld aufbessern. In Bremerhaven gibt es leider wenig Brunnen.

Routinemässig umrundeten wir alle vierzehn Tage den italienischen Stiefel und waren somit zweimal im Monat in den Häfen, die wir anliefen. Vieles wurde zur Gewohnheit. Der morgendliche Ausflugsdampfer von Neapel, der zu den Inseln fuhr, hatte beim Passieren unseres Schiffes immer das gleiche Musikstück auf dem Plattenteller.
Die Läden an jeder Ecke mit Espresso. Ein Massenkonsum in Tassen, etwas größer als ein Fingerhut. Daran hatten wir "Tedesci", wir Deutschen, wie ich allgemein vernahm keinen großen Anteil. Anders die Öfen in den Straßen mit heißen Maroni, diese schmeckten vorzüglich. Probierten sie aber erst, nachdem wir aufgeklärt waren, dass es sich nicht um unsere Kastanien, sondern um Esskastanien handelte. Auf Reisen lernt man, Reisen bildet. Einige Male nahm ich an dem Ausflug der Passagiere nach Ischia teil. So schön ist Italien nicht überall.
Ebenso Pompei, die Stadt bei Neapel, die der jetzt ziemlich friedliche Vulkan vor ca. 1000 Jahren zerstörte, stand mehrfach auf meiner Besuchsliste. Ein Spruch an einem der alten Wände, von einem unzufriedenen Bürger, lautete sinngemäß, vom Fremdenführer übersetzt: "Das Volk sollte wissen mit wie viel Dummheit es regiert wird." Das gab es schon vor tausend Jahren und später schien es mir sehr aktuell zu sein.

Wir gingen in Neapel öfters zum Fußballplatz, auch die Fußballbordmannschaft spielte einige Male gegen Napoli. Die Fahrt mit der Straßenbahn zum Fußballplatz war abenteuerlich, das gab es nicht in Deutschland. Offen Wagen mit Scherengittern, Geschwindigkeitsbeschränkung gab es scheinbar nicht. Die alten Klapperkästen schwankten und die Scherengitter sausten hin und her. Es war eine Gaudi, später habe ich immer wieder erzählt, dass ich gegen Napoli Fußball gespielt habe. Wir verloren immer.

In dieser Wintersaison 1938/39 waren wir weit weg von Ereignissen der großen Weltgeschichte. In unserer kleinen Welt verspürten wir nichts vom Eiseshauch jenseits der Alpen, nichts von der Zerstörung der Synagogen, nichts von der Reichskristallnacht kam uns zur Kenntnis. Oder man hat nicht hingehört. Wir Jugendlichen hatte sowieso andere Interessen.

Nächste Station Palermo Sizilien. Es wurde, wir hatten doch auf unserem Teil des Globus Winter, immer wärmer. Das Mittelmeer zeigte sich von der schönsten Seite. Beim Einlaufen in den Golf von Palermo wurde ich mit meinem Hang nach Gerüchen, überwältigt. Ein süßer, fast dekadenter, betäubender Duft aus einer anderen Welt. Später glaubte ich jeden Hafen mit verbundenen Augen an seinem Geruch, Duft oder auch Gestank zu erkennen. Venedig sollte mich mit Gerüchen bald noch überraschen.
Hier in Palermo war alles bunt, noch bunter. Die Taxen an der Kaje, bunt bemalte Karren mit Pferden, bessere Klepper, oder waren es Esel, Mulis? Nicht zu erkennen, waren sie doch über und über mit buntem "Gebammel" bedeckt. Man hatte den Eindruck, dass ein südlicher Schleier alles Laute leiser werden ließ.
Händler kamen mit Booten längsseits, Körben mit Apfelsinen und "Vina Truba" (die Sprache lebt).
Leine runter ein Körbchen hoch, immer erst die Lire hinein, sie hatten wohl schon schlechte Erfahrungen gemacht. Alles gab es in Mengen und für unser Empfinden billig.
Neu für mich, auch ein Schuhmacher kam per Boot ans Schiff. Wieder das Spiel mit dem Korb, Schuhreparatur alles handgenäht, man konnte warten und zusehen. Alles preiswert. Italien war für uns in deutscher Währung sehr günstig.

Palermo und Venedig hatten in Italien die größten Souverenitätsproduktiosstätten. In Venedig Glas aus Murano. In Palermo schleppten die Passagiere die Miniaturen, der oben erwähnten Bauernkarren, an Bord. In Venedig waren es die Gondeln und die Rialtobrücke, letztere sogar mit Beleuchtung.

Über Bordlautsprecher erteilte der Reiseleiters auf jeder Reise Geschichtsunterricht. Sizilien war einmal unter einem Stauffenkönig sogar deutsch. Viel ist davon nicht mehr zu sehen. Jetzt Kurs Bari auf der anderen Seite des Stiefels. Den Stromboli, ein weiterer Schornstein unserer Erde, der auch noch, wie der Vesuv, Rauchzeichen von sich gab, hatten wir auch passiert.

Aus dem thyrrenischen Meer kamen wir jetzt in das adriatische Meer. Am Wasser konnte man das nicht erkennen, man musste schon in einen Atlas sehen. Den hatte ich in Bremerhaven gekauft, das heißt er wurde mir von einem Vertreter von Velhagen und Clasing mit den Worten: "Ein Seemann braucht so etwas!", schmackhaft gemacht. Es war mein erster Ratenkauf, bei einer Summe von 35.- RM musste ich monatlich 5.- RM abzahlen. Ob er wohl wusste, dass auf Grund meines Alters, es ein schwebend rechtlicher Geschäftsvertrag, nach Paragraf 110 (Taschengeldvertrag) war. Die Nazis hatten am BGB nicht gerüttelt. Schlimm waren nur die neuen Paragrafen von fürchterlichen Juristen geschaffen.
Jedenfalls ist der Atlas noch heute in meinem Besitz, ein Helfer für Deutschland in den Grenzen von 1937.

In vorhergehenden Jahren wurde noch die afrikanische Küste mit Tripolis angesteuert. Wie Barcelona ausfiel, weil es Franco es so wollte, fiel Tripolis aus, weil Mussolini einen Feldzug gegen Abessinien, heute Äthiopien, zu erledigen hatte.

Zur Zeit umrundeten wir friedlich die Stiefelspitze von Bella Italia, Kurs Nord: Berg rauf, so unser lustiger Reiseleiter über Mikrofon, geht es immer etwas langsamer. Bari laufen wir nur an, um uns von der Bergfahrt zu erholen.
Bari war der Hafen mit dem kürzesten Aufenthalt. Er wurde genutzt, für einen kurzen Ausflug mit dem "Bärenführer", so wurde sinnigerweise der Leiter unser Passagierherde genannt. Das Schiff lag weit draußen an der Mole. Kaum einer der Besatzung ging während der ganzen Saison in Bari an Land. Auch für mich blieb Bari, auch für meine Nase, ein weißer Fleck auf der Appenin-Halbinsel. Vom Reiseleiter über Bordmikrofon hörten wir, dass dieser Teil Italiens, Apulien, einer der geschichtsträchtigsten ist. Die Griechen hinterließen Spuren, auch die Normannen, die Römer sowieso. Die Alten grüßten sich noch mit Calimera, dem griechischen Guten Tag.
Auslaufen Bari - Kurs Venedig. Wieder ein längerer Seetörn. Für die Passagiere Zeit für die beliebten Spielchen. Wenn es dem Führer auch nicht gelang den Äquator zu verschieben, durfte eine Äqutortaufe nicht fehlen. Kein Äquator, trotzdem schritt Neptun zur Tat. Eine Gaudi, viele weiße Blusen, Taufwasser, ein durchsichtiger Höhepunkt.
Der Lautsprecher: "Wem haben wir das alles zu verdanken?" Jeder wusste wer gemeint war, auch Robert Ley wurde lobend erwähnt.
Auf dem jeweils letzten Törn der Reise, entweder vor Venedig oder vor Genua wurde zum Abschiedsball, ein Kostümfest geblasen. Matrosenanzüge waren gerfragt. Diesen zweck erfüllten die vom Lloyd gestellten Arbeitsklamotten aus Leinen, steif wie ein Brett. Vor Gebrauch mußten sie erst mit P3, ein scharfes Reinigungsmittel, mehrfach gekocht werden. Der Verleih war bei weiblicher Nachfrage immer mit intensiver Anprobe verbunden. Man sieht KdF hatte Freuden parat.

Sonntag, 9. Juni 2013

Bella Italia

Ja, ja der Chianti Wein


Chianti war billig und in unseren Augen ein ziemlich saures Gesöff in bauchigen 1 Liter Flaschen und größer. Erich, der mit den Sternen, versuchte die Säure mit Zucker abzumildern. Ein paar Tage später, die Buddel hing in seinem Schrank, gab es einen Knall. Die Gärung des Zuckers hatte seine Schuldigkeit getan.

Genua als internationaler Hafen, war eine andere Welt. Man traf die halbe, wenn nicht die ganze Welt. Unsere alten Seebären waren echte Kosmopoliten. Hein M. erzählte oft von seinen Fahrzeiten auf amerikanischen Schiffen der zwanziger Jahre. Sie brachten in der Hochzeit der Inflation echtes Geld, und zwar Dollars, nach Deutschland. Manch einer kaufte sich für ein paar Dollars ein Haus in Bremerhaven. Die Superinflation machte es möglich.

Treffpunkt für die deutsche Besatzung in Genua war die "American Bar".

Wir von der Besatzung nahmen oft teil an den Ausflügen der Passagiere. Erstes Erlebnis in Genua, mit einer klapprigen Zahnradbahn hoch in die Berge, oben auf dem Berg ein Camposanto, ein Friedhof. Ich wußte gar nicht, dass dieser Ziel unserer Fahrt sein sollte. Wäre es mir bekannt gewesen, wäre ich gar nicht mitgefahren. Im Nachhinein bin ich froh über meine Unwissenheit.
Alle verstorbenen sind in einer Wand übereinamder in kleine Nischen eingemauert. Überall viel Blumen und es brannten Kerzen. Ein ungewohnter Anblick. Der Besuch eines Friedhofs stand nicht auf meinem Programm, aber der weite Blick über die Bucht von Genua, mit dem Hafen und der Stadt, das Mittelmeer bis zur französischen Küste, war für einen Flachländer einfach fantastisch.

Auch war es eine Erholung vom Krach des Bunkerns, der sich auch nachts fortsetzte. Es dauerte dann noch Tage, um mit allen Deckwaschschläuchen auch die letzten Kohlekrümel außenbords zu befördern.
Zusammen mit dem, was von den Bunkerleuten über Bord ging, muß der Hafengrund eine Kohlegrube sein. Auch im Schiff selbst, der Kohlenstaub war durch alle Ritzen gekommen, dauerte es einige Zeit bis wir von dem schwarzen Gold befreit waren.

Der nächste Zug mit Volksgenossen aus Deutschland traf ein. Bei jedem Aufenthalt in einem italienischen Hafen bekamen ein paar italienische Schulklassen frei, um im Zuge der Völkerverständigung mit Fähnchen schwenkend und musikalischer Begleitung voller Inbrunst "Faccetta Nera" vorzutragen und Hitler, Hitler, Duce, Duce und Faschista, Faschista zu rufen. Es war die Jugend der Schwarzhemden, wie bei uns die Braunhemden. Viel Musik, viel Getöse.  Es nutzte sich im Laufe der folgenden Reisen für uns ab.
Das Wort Faschisten war für uns gar kein Begriff, in Deutschland wurde diese Bezeichnung zu der Zeit nicht verwendet.

Start der ersten Reise um den Stiefel, nächster Hafen Neapel.
Erst einmal kamen wir aber wie der Seemann sagt in einen bösen Kuhsturm. Ich hatte Freiwache, schlief und wurde wach, als die Wache vom Dienst durch das ganze Schiff ging, um die Panzerblenden zu schließen. Diese sollten bei Bruch des Bullauges den Wassereinbruch verhindern. Unser Logis, unsere Bude, lag im Vorschiff. Hier geht ein Schiff beim Sturm am stärksten zur Kehr. Der Kahn stampfte ganz schön, wenn es ins Wellental geht setzten die beiden Anker aufs Wasser, ein Knall wie von Kanonen. Das Mittelmeer ist bekannt für schönes Wetter, aber wehe, wenn Neptun böse ist, glaubt man in der Hölle zu sein. "Dante" war hier zu Hause.
Beim ins Wellental fallende Schiff, ist man wenn, man Treppen steigt leicht wie eine Feder, man schwebt aufwärts. Steigt das Schiff dann wieder, bleibt man besser stehen, ein Eimer Wasser wird in dieser Situation zu Blei.
Die Bewegung im Schiff war so stark, dass die Wände zitterten. Sie waren aus Holz -Nut und Feder-, es quietschte und beim Verschieben der Verkleidung wurde meine Jacke, die an der Wand hing eingeklemmt. Was tun? Auf den nächsten Sturm warten? Ein kurzer Ruck, die Jacke war befreit, aber mit dem Verlust eines beträchtlichen Stückes Stoff, war sie unbrauchbar für repräsentative Zwecke.
Viele Jahre später hatte ich nochmals Gelegenheit das Schiff zu betreten. Beim Besuch meiner alte Bude stellte ich fest, dass der Stoffrest meiner Jacke noch immer in der Wand klemmte.

Mittlerweile war ich so gut wie seefest, brauchte nicht mehr Fische füttern. Allerdings hatten einige Gerüche, wie Huhn mit Curryreis, der Auslöser meiner ersten Seekrankheit, noch magendrehende Wirkung.
Deswegen musste ich, wenn es schaukelte einen Umweg zum Vorschiff machen. Nicht durch das "Versaufloch", sondern über das Vordeck. Das Versaufloch war ein unteres offenes Deck. Dort hatten die Chinesen ihre Wäscherei. Sie hatten, wie auf allen Schiffen des NDL, das Monopol für die Wäschereien und hatten auch ihre eigenen Küchen, aus denen oft der kritische Geruch nach Reis und Curry aufstieg.

Aktuell

 

 

Donnerstag, 6. Juni 2013

Von Norwegen nach Italien

Es war alles noch so schön!


So verging der schöne Sommer 1938 mit den KdF Norwegentouren. Es war für mich der reine Urlaub.

Da Norwegen herbstlich ungemütlich wurde, wendeten wir uns nun dem Süden zu. Wir fuhren mit "Der Deutsche" nach Italien.
Die deutschen Volksgenossen sollten in den Genuss der politischen Freundschaftsaktie Berlin-Rom kommen. Sie kamen per Reichsbahn nach Genua, um dann per Schiff um den italienischen Stiefel geschaukelt zu werden. Von Venedig aus ging es dann per Bahn zurück Richtung Heimat. Eine neue Reisegruppe kam, um in umgekehrter Richtung mit den Stationen Bari, Palermo und Neapel, Endstation Genua zurück, um an den Errungenschaften der Freundschaft Hitler/Mussolini teilzuhaben.
Mitten im Winter kamen sie dann braun gebrannt, und voll des Lobes für den Führer, per Bahn in die Heimat zurück.

Vor der Italienreise gingen wir erst einmal in die Werft. Dort hieß es "schneiden und fönen". Der Muschelbewuchs musste runter, es brauchte viel neue Farbe, Ratten und Kakerlaken wurde durch den Kammerjäger der Garaus gemacht.
Großeinkauf der Mannschaft für ein halbes Jahr bei den "Freilager-Juden", die gar keine Juden waren, sondern, warum auch immer, nur so genannt wurden, den Schiffsausrüstern Varoga und Graue. Bezahlt wurde immer nach Rückkehr von der Fahrt, wenn die Taschen der Seeleute wieder gefüllt waren. Wir Jungs bekamen weder Tabak noch Alkohol.
Dann kam die Meldung: "Morgen ausdocken." Großes Staunen, der Dampfer sah noch aus, als wenn er gar nicht fertig war, Kabel, Farbe, Drähte und großes Durcheinander. Es sah aus, als ob das Schiff noch fertig gebaut werden müsste. Aber, wie ein Wunder war am nächsten Tag alles fertig.

Die ersten Passagiere kamen: "Oh, ein schönes Schiff!" (Der alte Kasten). "Hier ist der Mast, das ist vorne!" Sie standen bei diesen Worten am hinteren Mast. Alles war fröhlich und gut gelaunt.

Erste Station Lissabon, dann kam Genua. Barcelona, das früher auch angesteuert wurde, wurde auf Grund der Kriegsfolgen in Spanien aus dem Programm genommen.
Lissabon war damit der Fleck auf dem Globus, an dem ich meinen ersten Schritt in ein fremdes Land machte. Eine Reichsmark tauschte ich um in 10 Escudos, wofür ich sie ausgab weiß ich nicht mehr. Im Hafen bettelten uns schon 5-6jährige an um Zigaretten, so etwas gab es in Deutschland nicht.

Da der Kohlevorrat schon reichlich dezimiert war, mussten wir in Genua neu bunkern, ein Erlebnis.
In Bremerhaven wurden die Kohlebunker mit Kränen oder mit ganzen Waggons an einem Tag voll geschüttet. In Genua dauerte der Vorgang 8 Tage und war eine spaßige Sache. Wir lagen mit dem Heck an der Kaje und längsseits vom Schiff und von der Wasserseite lag ein Kahn mit Kohlen. Kleine Körbchen, wirklich sehr kleine, wurden voll Kohlen geschippt. Kleine Winschen hieften die Körbchen an Deck, von dort fuhren sie auf extra ausgelegten Schienen mit kleinen Wägelchen an die Kohlenbunkerluke. Die leeren Körbe wurden zurück geschmissen. Was sich da vor unseren staunenden Augen abspielte ging mit verblüffender Geschwindigkeit vor sich. Acht Tage lang genossen wir Seeleute die sogenannten Bauernnächte, bei denen wir, ohne die übliche Wache schieben zu müssen, durchschlafen konnten.


Aus dem Archiv

 





 

 

Mittwoch, 5. Juni 2013

Backbord und Steuerbord

Wieder etwas gelernt


Erich, mein Kollege, der wie ich als Offiziersanwärter war, trug jetzt schon zwei silberne Sterne am Kragen. Er hatte sie seit der Schulung in Bremerhaven nicht wieder entfernt. Mein Anspruch war, es müssten goldene sein und dass wir bald mal ins Heiligtum, auf die Brücke und dort ans Ruder, kommen sollten.

Jetzt wird es spannend: ein Ruder ist nicht wie im Rettungsboot ein Riemen, sondern wird von der Brücke aus mit dem Steuerrad, entsprechend den Anweisungen der Steuerleute oder nach Vorgabe eines Kompasskurses bewegt. Der Wachthabende Offizier guckt des öfteren achteraus, um am Fahrwasser zu prüfen, ob der Rudermann nicht zu viel kurbelt.
Wenn das passiert kam zur Ermahnung: "Du willst wohl deinen Namen mit Kielwasser im Ozean verewigen."
Wenig zu versteuern, möglichst geraden Kurs zu halten, spart Energie und Zeit und bringt die Navigation nicht durcheinander.
Kielwasser nennt man auch Schraubenwasser, weil es von der Schraube erzeugt wird. Schrauben gibt es viele an Bord, darum heißt die Schraube, die das Schiff antreibt auch Propeller. Vor dem Schraubenantrieb hatte man Raddampfer mit seitlichen Rädern. Der Schiffspropeller wurde weit von der Küste entfernt, von einem Österreicher erfunden.
Der Bootsmann äußerte einmal, dort gäbe es eine Menge schlauer Laute. Da hatte man die Musik (Mozart) erfunden und ein gewisser "Parzer" hat den Grill entwickelt und nannte sich fortan Grillparzer.
Auch unser Führer Adolf Hitler kam aus der Gegend. Braunau am Inn. Später habe ich gemerkt, dass der Bootsmann auch ein Kenner der Literatur war.

Auf einem Schiff heißt es nicht "rechts" und "links". Es heißt Steuerbord und Backbord. Die Schiffsseiten werden mit den Farben Grün für Steuerbord und Rot für Backbord gekennzeichnet. Wichtig in der Nacht. Die Farben zeigen die Fahrtrichtungen der Schiffe an. Entgegenkommer oder Mitläufer. Sieht man von einem Entgegenkommer rot und grün auf sich zukommen, schließt man besser die Augen, denn dann knallt es gleich.
Das alles stand auf meinem Lehrplan. Wie merkt man sich das? Es genügt bekanntlich nicht, zu wissen, dass der Daumen links oder rechts ist. Eben rot oder grün. Deshalb war die Eselsbrücke: "Wenn dir ein Rechtshänder eine Backepfeife haut, wird die linke Backe rot." Das war wieder so eine Weisheit des Bootsmanns.
Der Ursprung liegt auch hier wieder im Englischen. Bevor  man ein Ruderblatt am Heck zum Steuern hatte, steuerte man mit einem Riemen/Ruder an der rechten Seite des Schiffes. Das war Steuerbord, englisch Starboard. Um das Ruder nicht zu beschädigen, ging man niemals mit dieser Seite das Schiffes,  mit Steuerbord an die Pier, sondern mit der Gegenüberliegenden. Hafen heißt im Englischen Port, daher nennt man die Gegenseite von Steuerbord "Portside". Der Mann am Ruder rechts, steht zwangsläufig mit dem Rücken zur Portside. Hinten, englisch back, daher im Deutschen Backbord. So einfach soll das sein.
Man sieht hier, welche Intelligenzanforderungen auf einen angehenden Kapitän einstürmten.

Unter den Seeleuten wurde eine Geschichte von einem alten Segelschiffskapitän erzählt. Er hatte einen verschlossenen Kasten in seiner Kajüte, den er häufig benutzte. Er starb auf See und wurde dort bestattet. Die Mannschaft war gespannt auf das Geheimnis im Kasten. Was hatte den "Alten" getrieben, so oft in diesen Kasten zu gucken. Zur Überraschung der Männer enthielt er nur einen kleinen Zettel auf dem stand: "Steuerbord ist rechts und grün und Backbord ist rot und links."

Mit der englischen Bezeichnung Portside oder Starboard hatte es zur Zeit der englischen Kolonialmacht noch eine besondere Bewandtnis. Viele Schiffspassagen erfolgte zwischen dem Mutterland und den Kolonien, unter Anderem nach Ostasien.
Die Majors und Colonels, die zum Zeichen der Würde das traditionelle Stöckchen unter dem Arm trugen, besonders aber die Damen, die öfter ihre Ehemänner besuchten, genossen auf Schiffsreisen das Privileg "Posh", was so viel wie sehr nobel bedeutete. Bei den Schiffspassagen stand P.O.S.H als Abkürzung für "Portside Out Starboard Home". Das war klimatisch bedingt.
Die Schiffe, auch jene für die Tropenfahrt hatten noch keine Klimaanlagen, nur Windhuzen, die den Fahrtwind zum Kühlen ins Schiff pusteten. Auf den in Richtung Indien fahrenden Schiffen, war Portside immer die nördliche, die kühlere Seite der Schiffskabinen. Umgekehrt war es auf der Rückreise.

Auf diese Weise wuchsen auch meine Kenntnisse der Englischen Sprache. Im Grunde war es wohl mehr das Englisch des Bootsmanns, von dem ich einmal den herrlichen gegenüber einem vermeintlichen Engländer geäußerten Satz hörte: "Kumm mi nich an mien Damper, un piss not an my Verschanzung, das is no good for you."
Verschanzung ist der Teil des Schiffes, der aus dem Wasser ragt, also die sichtbare Bordwand. Es stellte sich übrigens heraus, dass der Engländer ein Holländer war. Es muss ein Seemann gewesen sein, denn er verstand das merkwürdige Englisch des Bootsmanns. Vielleicht lag es an der Sprachverwandtschaft des Ostfriesischen zum Niederländischen.

So verging der Sommer 1938 mit den Norwegentouren, mit "Kraft durch Freude". Der reine Urlaub. Zum Spätsommer hin wurde Norwegen herzlich ungemütlich. Unser Schiff drehte auf Richtung Süden, nach Italien. Die Deutschen Volksgenossen sollte in den Genuss der politischen Freundschaftsachse Berlin-Roms kommen.

Ich hatte jetzt die zweite Beförderung hinter mir. Nach den Stationen als "Moses und Decksjunge" erklomm ich auf dem Weg zum Kapitän die nächste Sprosse. Nun war ich ein "Jungmann". Erich, ebenfalls befördert, heftete sich einen neuen Stern an den Kragen. Er fühlte sich nun wie ein "Oberkapitänsanwärter", hatte aber doch Bedenken, denn über die Sterne hüllte er sich allen gegenüber in Schwiegen